Der Anfang vom Ende wird langsam sichtbar
FRANKFURT 04.05.2009 (Dow Jones). Weltweit hat die konjunkturelle Entwicklung in den vergangenen Monaten einen Einbruch erlebt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wie lange und wie weit es weiter abwärts geht, beschäftigt daher Volkswirte und Analysten. Inzwischen sehen die Optimisten unter ihnen erste Indizien, dass das Schlimmste schon bald überwunden sein könnte. Die Aktienmärkte, denen ein Vorlauf vor der konjunkturellen Entwicklung von etwa einem halben Jahr nachgesagt wird, haben sich spürbar erholt: DAX und der S&P 500 haben seit ihren Tiefpunkten Anfang März bis Ende April jeweils ein Viertel aufgeholt. Das könnte bedeuten, dass es ab Herbst auch konjunkturell wieder aufwärts geht. Die deutschen Konjunkturindikatoren wie ifo und ZEW scheinen inzwischen – auf zum Teil historisch niedrigem Niveau – ihren Boden gefunden zu haben. Und selbst die Preise vieler Rohstoffe haben inzwischen wieder etwas zugelegt. Liegt das Schlimmste hinter uns?
Auch Gertrud Traud, Chefvolkswirtin bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), sieht durchaus Gründe für einen verhaltenen Optimismus, neben den genannten. Die Läger in den USA seien mittlerweise zum Teil „leer geputzt“, was sich bald in einem zaghaften Anstieg der US-Orders zeigen dürfte. Zudem haben die US-Immobilienmärkte ihren Boden erreicht, erklärt Traud im Gespräch mit Dow Jones. In China wiederum seien bereits jetzt weit frühere und stärkere Impulse aus den riesigen Konjunkturprogrammen zu beobachten. Die Volksrepublik habe inzwischen „konjunkturell gedreht“. Die USA und China werden die Schlüsselrollen für eine konjunkturelle Erholung spielen. Aber auch die übrigen Reaktionen in der Geld- und Fiskalpolitik rund um den Globus werden für Erholung sorgen und auch den Privatkonsum entlasten. Zudem habe der deutlich gesunkene Ölpreis die Wirtschaft bereits deutlich entlastet, alleine in Deutschland um rund 30 Mrd. Euro – das werde in den Konjunkturanalysen bislang häufig „maßlos vergessen“...
„Der ganz große Turn-around ist aber noch lange nicht da“, sagt Traud. Ganz entscheidend sei es, dass die Bankenwelt wieder in Ordnung gebracht wird. Und das Problem liege nicht allein bei den Finanzinstituten: „Die Kreditblase muss zunächst abgearbeitet werden. Hier sind wir bereits ein gutes Stück gegangen. Die Lösung der strukturellen Probleme wird uns aber noch Jahre beschäftigen.“ Für die hoch verschuldeten US-Haushalte bedeutet dies, dass sie ihre Sparquote massiv erhöhen werden – und folglich weniger Güter nachfragen werden.
Für die exportorientierte deutsche Volkswirtschaft würde das bedeuten, dass wir noch „über mehrere Jahre kleinere Brötchen backen“ werden. Bis dahin sei es richtig, mit schnellen, breit angelegten und befristeten Konjunkturprogrammen den deutschen Binnenmarkt anzukurbeln, um den langen Bogen im höchstwahrscheinlich U-förmigen Konjunkturverlauf zu überstehen. Und einige Probleme haben wir schon noch vor uns, etwa den Anstieg der Arbeitslosigkeit. Auch sei bislang in Deutschland kaum eine Kreditklemme zu spüren gewesen, doch könnte sich das ändern, wenn durch die Rezession den Banken weitere Kreditausfälle und Abschreibungen ins Haus stehen. Traud kommt zu dem Schluss, dass angesichts des scharfen Einbruchs der letzten Monate bald tatsächlich der sehr niedrige Boden erreicht sein könnte. Doch der Wiederaufstieg wird langwierig und mühsam, mindestens bis 2010 werde das BIP „unter Potenzial“ wachsen. „Bis wir wieder die Boom-Niveaus der Jahre 2005 bis 2007 erreichen, wird es noch eine ganze Weile dauern. Immerhin: Die Aktienmärkte irren langfristig nicht“, schätzt Traub. „Zwar haben wir es nicht mit einem Bullenmarkt zu tun, aber zunächst mit einer langsamen Erholung und folgenden, langen Seitwärtsbewegung.“
Für die exportintensive Branche der deutschen Maschinenbauer sind besonders die asiatischen Schwellenländer die Hoffnungsträger für eine konjunkturelle Erholung, wie Olaf Wortmann, Konjunkturexperte des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), im Gespräch mit Dow Jones erläutert. Neben China werden seiner Erwartung nach aber auch die großen Rohstoff- und Energieexporteure wie zum Beispiel Russland wieder investieren und damit Maschinen und Anlagen nachfragen, sobald die Rohstoffpreise anziehen. Und dafür gibt es inzwischen erste Anzeichen. Zudem spreche weltweit auch der enorme Lagerabbau der letzten Monate dafür, dass bald wieder Aufträge vergeben werden.
Damit der für die deutsche Chemieindustrie entscheidende „Industriemotor EU“ wieder anspringt, bedarf es nach Ansicht von Hendrik Meincke vom Verband der Chemischen Industrie (VCI) mehrerer Faktoren. Die asiatische und vor allem die chinesische Exportwirtschaft benötige Impulse von den US-Verbrauchern. Doch dort sei derzeit keine Besserung in Sicht. Bleibt der asiatische Binnenkonsum, der durchaus die Weltwirtschaft stützen könnte, da die Privathaushalte hier noch nicht stark verschuldet seien, sagt Meincke. Ähnliches gilt nach seiner Ansicht für Lateinamerika: Hier hat die Krise die Privatkonsumenten noch nicht verunsichert und die Banken sind bislang ohne Schwierigkeiten durch die Finanzkrise gekommen. Aus den Regionen Nahost und Russland erwartet er jedoch keine eigenständigen Impulse. Diese Märkte würden sich wieder erholen, sobald Öl- und Gaspreise wieder steigen.
Wie bei dem selbstbewussten Auftreten auf der diesjährigen Auto Shanghai zu beobachten war, klammert sich selbst die Autoindustrie an den Hoffnungsträger China. In der Volksrepublik hielten sich schon bislang – ähnlich wie in Lateinamerika und anderen Schwellenmärkten – die Absatzrückgänge in Grenzen. Mittel- bis langfristig gelten praktisch alle größeren Schwellenländer als Zukunftsmärkte für die Autoindustrie, ist Eckehart Rotter vom Verband der Automobilindustrie (VDA) überzeugt. Eine Erholung der eng verflochtenen Weltwirtschaft könne aber nicht von China allein aus erfolgen. In den USA etwa sieht er den Autoabsatz mit als erstes wieder anspringen. Vor zehn Jahren habe es in Amerika ein Nachfragehoch gegeben. Diese Wagen kämen nun alle in die Jahre und müssten in den kommenden Jahren ersetzt werden, sagt Rotter. Auch die hoch verschuldeten US-Haushalte haben in der Regel ja keine Alternative zum Auto.




