Kongress Länderrisiken 2010

29. April 2010 Rheingoldhalle Mainz

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"Unsere Kunden kommen besser durch die Krise"

Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden von Coface Deutschland, Benoît Claire

Die aktuelle Krise hat auch dazu geführt, dass über die Rolle der Kreditversicherer reflektiert wird. Unter anderem führte das Magazin "Der Credit Manager" ein Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden von Coface Deutschland, Benoît Claire. Die Fragen und Antworten geben wir hier im Wortlaut wieder.

Im Zuge der Konjunkturkrise haben alle Kreditversicherer ihre Prämien um mindestens zehn Prozent, in Einzelfällen sogar bis zu hundert Prozent angehoben. Parallel dazu wird der Versicherungsschutz eingeschränkt – wie passt dies aus Sicht der Coface zusammen?

Claire: Beides sind absolut notwendige Anpassungen an eine dramatisch veränderte Situation, die weit über eine "Konjunkturkrise" hinausgeht. Die erhöhten Risiken erfordern zum einen höhere Preise, nachdem wir in der Kreditversicherung in den letzten Jahren einen deutlichen Preisrückgang hatten. Das ist ein eher normaler zyklischer Prozess. Die allgemeinen Preisanhebungen jetzt gleichen das nicht einmal ganz aus. Auf der anderen Seite reduzieren wir Limite, wenn die Risikoprüfung ergeben hat, dass ein erhöhtes Ausfallrisiko besteht. Wir gehen dabei nicht pauschal für Länder oder Branchen vor, sondern prüfen immer den Einzelfall. Es greift zu kurz, von "eingeschränktem Versicherungsschutz" zu sprechen. Es ist unsere Aufgabe, unsere Kunden vor hohen Risiken zu bewahren. Diese Prophylaxefunktion der Kreditversicherung wird leider nicht so gewürdigt, obwohl es die eigentliche Kernfunktion ist.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Risikosituation?

Claire: Die Ausfallrisiken sind drastisch gestiegen. Die Zahlungsausfälle bei Geschäften zwischen Unternehmen haben weltweit um 47 Prozent zugenommen. In einzelnen Ländern, insbesondere in denen im Epizentrum der Kreditkrise, liegen die Ausfallraten noch deutlich höher. Am schlimmsten ist die Lage in Spanien mit einem Plus um 131 Prozent. Auch die USA (66%) leiden unter einem heftigen Anstieg der Ausfälle. Nach unseren Erkenntnissen sind die Auswirkungen der Finanzkrise in den Ländern am höchsten, in denen die Blase zuerst geplatzt ist und die in den Jahren zuvor ein starkes Wirtschaftswachstum hatten: Neben den USA und Spanien sind das Großbritannien (plus 64%) und Irland (70%). Etwas abgemildert und mit zeitlicher Verzögerung waren und sind dann Frankreich (42%), Japan (40%), Italien (36%) und auch Deutschland betroffen. Deutschland lag bei plus 25 Prozent, zwischenzeitlich steigen die Ausfallzahlen aber auch hierzulande weiter an. Die Länder mit einem relativ geringem Anstieg verzeichneten zuletzt ein weniger starkes Wachstum. Je stärker das Wirtschaftswachstum zuvor und je stärker die Verbindung zur Subprime-Problematik im Immobiliensektor, desto heftiger die Auswirkungen der Krise auf das Zahlungsverhalten von Unternehmen. Das zeigt meines Erachtens auch, dass das Thema Risiko in Wachstumsphasen unterschätzt oder sogar ignoriert wird.

Finden Sie das beschriebene Geschäftsmodell – Preiserhöhungen kombiniert mit Leistungseinschränkungen – seriös?

Claire: Wie ich schon erklärte, stimmt diese Aussage nicht. Und von einem "Geschäftsmodell" dieser Art kann schon gar keine Rede sein. Würden wir so pauschal vorgehen, würde es uns längst nicht mehr geben. Denn dann würden unsere Kunden für nichts zahlen. Sie kaufen aber eine wertvolle Leistung ein, die über die Schadenzahlungen hinaus geht. Wir helfen unseren Kunden nicht nur, finanziell besser durch solche Krisen zu kommen als nicht abgesicherte Firmen. Durch die Zusammenarbeit mit einem Kreditversicherer oder auch einem Factor kann ein Unternehmen seine Abnehmerstruktur und übrigens auch seine Lieferanten hinsichtlich des Risikos strukturieren und optimieren. In Ihrem nicht nachvollziehbaren Vorwurf wird diese Funktion komplett außer Acht gelassen.

Droht im Bereich der Warenkreditversicherung auf Anbieterseite faktisch ein Rückzug?

Claire: Nein. Noch einmal: Wo wir Limite ablehnen oder reduzieren, erfolgt das aufgrund einer eingehenden Risikobewertung. Ist das Risiko erkennbar zu hoch, kann keiner von uns verlangen, unser Geld und das Geld unserer Kunden zu verbrennen. Tatsächlich stehen den Limitreduzierungen, die es bislang gab und die es weiter geben wird, insgesamt sogar deutlich erhöhte Deckungsvolumen gegenüber. Dies verdeutlicht, dass wir unsere Aufgabe erfüllen, Kunden die Entwicklung guten und ertragreichen Geschäfts zu ermöglichen. Unser Job ist es nicht, Kunden zu verlustreichen Risiken zu ermutigen oder deren ausfallgefährdete Kunden zu subventionieren.

Stichwort Selbstbeteiligung – bleiben die entsprechenden Konditionen für Unternehmen darstellbar?

Claire: Jedes Unternehmen wird immer kalkulieren, ob die Konditionen in einem vernünftigen Verhältnis zur Leistung stehen. Das bezieht die Selbstbeteiligung mit ein. In ruhigeren Zeiten wird in der Kostendiskussion gerne das Risiko unterschätzt. In der jetzigen Situation passiert das eher nicht, die Unternehmen fokussieren ganz klar auf das Risiko. Und da ist die Kreditversicherung nach wie vor eine günstige Leistung, bei der die Selbstbeteiligung eine der Stellschrauben im Vertragswerk ist. Übrigens beklagt sich kein Unternehmen bei uns, wenn wir bei günstigen Schadenverläufen Schadenfreiheitsrabatte einräumen.

Wie viele Unternehmen hat Coface seit 2008 aus ihrem Kundenportfolio entlassen?

Claire: Sie meinen vermutlich, wie viele Abnehmer unserer Kunden wir nicht mehr decken. Diese Zahl der Ausschlüsse bewegt sich im einstelligen Prozentbereich. In der Summe kommen wir, Ausschlüsse und Limitreduzierungen zusammengenommen, auf eine Größenordnung von unter 5 Prozent, bei einem Gesamtdeckungsvolumen in der Kreditversicherung von rund 115 Milliarden Euro. Insgesamt ist 2008, als die Krise längst spürbar war, die Deckungssumme gegenüber dem Vorjahr um 3,6 Prozent gestiegen. Auch die Anzahl der Unternehmen, auf die wir Deckungen übernehmen, ist noch im Januar 2009 gegenüber Dezember 2008 gestiegen. Insgesamt haben wir über 520.000 Risiken im Portfolio. Eine weitere Zahl: Unsere Zeichnungsquote liegt noch immer bei 70 Prozent und ist damit nur rund fünf Punkte gegenüber den Jahren vor der Krise zurückgegangen. Und das bei deutlich stärker gestiegenen Ausfallrisiken. Klarer können wir, glaube ich, kaum noch belegen, dass sich Coface Deutschland nicht aus dem Risiko zurückzieht, sondern vielmehr den Kunden hilft, schlechte Geschäfte zu vermeiden und gute zu machen.

Welche Länder und Branchen sind in der aktuellen Krise durch besondere Risiken gekennzeichnet?

Claire: Eigentlich alle, wenn auch in unterschiedlicher Breite und Intensität. Wichtig für uns und unsere Kunden ist, dass wir dennoch keine pauschalierte Ausschluss- oder Kürzungspolitik fahren. Auch in Ländern mit einem schlechten Rating sind Geschäfte möglich, wenn die Einzelkonstellation Kunde–Abnehmer passt. Das gilt auch für die Branchen. Gute Geschäftspartner zu identifizieren und deren Bonität dann zu beobachten, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben.

Welche Angebote können Sie Unternehmen aus gefährdeten Branchen machen?

Claire: Im Grunde unsere ganze Palette mit Informationen, Versicherung, Factoring und Inkasso. Dabei ist klar, dass der Kreditversicherung und dem Factoring die Risikoanalyse vorausgeht. Sollten wir für identifizierte Risiken keine Absicherung oder keinen Forderungsankauf anbieten können, haben Unternehmen mit unseren Bonitätsinformationen und dem Forderungseinzug immer noch Möglichkeiten, ihr Forderungsmanagement zu optimieren.

In welcher Form wollen Sie das @rating der Coface vor dem Hintergrund der aktuellen Marktlage weiterentwickeln?

Claire: Wir entwickeln unsere Lösungen ständig weiter, unabhängig von der aktuellen Wirtschaftskrise. Angesichts der unrühmlichen Rolle der großen Ratingagenturen im Zusammenhang mit der weltweiten Ausbreitung der Bankenkrise arbeiten wir aber auch an einem neuen Rating. Auf Basis unserer Informationen über 55 Millionen Unternehmen weltweit und bereits vorhandenen internen Bewertungsverfahren und Ratings wollen wir künftig Unternehmen ein preisgünstiges Solicited Rating anbieten. Es wird sich rein auf die Bewertung von Unternehmen beziehen. Das ist unser Kerngebiet und unsere Expertise. Wir werden keine Finanzprodukte bewerten, sondern uns auf das beschränken, was wir können. Ratings sind nötig für das Vertrauen in der Wirtschaft. Im Moment fehlt das leider weitgehend.

Wie stehen Sie zu rein IT-gestützten Informationen/Entscheidungen im B2B-Bereich?

Claire: Bis zu bestimmten Limiten ist das heute kaum mehr anders leistbar. Entscheidend ist, wie gut die Systeme sind, insbesondere welche Informationen eingespeist werden, wie sie gewichtet werden und so weiter. Bei uns beispielsweise ist es so, dass die Bonitätsaussagen, die wir über unser @rating ja auch verkaufen, in der Kreditversicherung abgebildet werden. Stellen Versicherungskunden Anträge auf ihre Abnehmer, wird bis zu bestimmten Größen automatisch die @rating-Bewertung als Limit akzeptiert. Das liegt zum einen in der Logik begründet: Wenn wir sagen, das Unternehmen xy ist für 20.000 Euro gut, müssen wir auch dazu stehen und eine entsprechende Limitanfrage bewilligen. Dass wir so handeln, zeigt aber auch, dass wir unsere Systeme so weit entwickelt haben, dass wir darauf solche Entscheidungen gründen können. Dies ist übrigens ein Unterschied zu reinen Auskunfteien oder Ratingagenturen, die zwar eine Meinung kundtun, aber nicht mit eigenem Geld dahinter stehen. Ab bestimmten Größenordungen oder bei sehr komplexen Konstellationen ist aber die Ergänzung der automatischen Entscheidungen durch unsere Kreditprüfer unerlässlich.

"Der Credit Manager" ist Medienpartner beim Kongress Länderrisiken 2009.