China bleibt trotz Krise ein Zugpferd der Weltwirtschaft
FRANKFURT 19.01.2009 (Dow Jones). China und Indien werden auch 2009 zu den Zugpferden der Weltwirtschaft zählen, obwohl auch diese Länder einen deutlichen Rückgang des Wirtschaftswachstums zu gewärtigen haben. "China bleibt die am stärksten wachsende Wirtschaft der Welt“, so Maria-Laura Lanzeni, Volkswirtin für das Research der Deutschen Bank. Die Deutsche Bank rechnet mit einem Wachstum von 7%, andere Institutionen haben ihre Prognose auf 5% bis 6% reduziert.
Andere Emerging-Market-Regionen werden laut Lanzeni dagegen von der Krise stärker betroffen sein. So werde Lateinamerika vermutlich kaum mehr als ein BIP-Plus von gut 2% aufzuweisen haben, Mittel- und Osteuropa unter Einschluss der Türkei und der GUS-Staaten werde auf kaum 2% kommen. In der Regel seien die Bankensysteme in den Emerging Markets nicht so direkt von der Finanzkrise betroffen wie in den Industrieländern, betonte Lanzeni im Gespräch mit Dow Jones. Das gelte auch für China. Das von der chinesischen Regierung beschlossene Konjunkturprogramm könne die Binnenkonjunktur stützen, so Lanzeni weiter. Die Zentralregierung in Beijing hatte ein Paket mit einem Volumen von 470 Mrd EUR angekündigt, um die heimische Wirtschaft anzukurbeln. Viele der Vorhaben waren allerdings schon im Fünfjahresplan bis 2010 enthalten. Nach einer Analyse von J. P. Morgan sind immerhin 188 Mrd EUR für zusätzliche Ausgaben vorgesehen. Durch Initiativen regionaler Regierungen ist das Programm weiter gewachsen. Investieren wollten die Provinzregierungen vor allem in die ländliche Infrastruktur wie das Schienen- und Straßennetz, in Häfen und den Wohnungsbau, berichtete das chinesische Staatsfernsehen.
Zudem hat die Zentralbank die Zinsen gesenkt, um die Wirtschaft zu stimulieren. Da die Inflation in China deutlich zurückgegangen ist, gehen Experten von weiteren Zinssenkungen in näherer Zukunft aus. Für die exportorientierten Industrien Chinas sind die Auswirkungen des Konjunkturprogramms allerdings begrenzt, so Lanzeni. Um seine Exporte zu stützen, könne China versucht sein, den Renmimbi abzuwerten. Angesichts der starken Verflechtung des Landes mit der Weltwirtschaft werde sich das Land aber einen solchen egoistischen Schritt wohl nicht leisten wollen.
Auch die Analysten der Commerzbank betonen die relative Stärke Chinas. Das Land sei besser als viele andere Schwellenländer dafür gewappnet, externen wirtschaftlichen Schocks zu widerstehen. Das chinesische Bankensystem sei vergleichsweise stabil und habe nur begrenzt Abschreibungen auf Subprime-Papiere vornehmen müssen. Die Leistungsbilanz weise einen Überschuss auf, die Reserven an ausländischer Währung seien hoch, In den vergangenen Jahren habe China eine vernünftige Fiskalpolitik betrieben, die Staatsverschuldung sei gering. Die Exportorientiertheit des Landes ist in der Krise allerdings die Achillesferse des Landes. Eine schrumpfende Wirtschaft in den USA, Euroland und Japan beeinträchtigt die Ausfuhrchancen des Landes.
Der Verband Deutscher Maschinenbauer (VDMA) geht vor dem Hintergrund der Krise davon aus, dass die Ausfuhr deutscher Maschinen nach China 2009 keine zweistelligen Wachstumsraten mehr aufweist. Es könne sogar sein, so Olaf Wortmann, Konjunkturexperte des VDMA, dass einzelne Segmente des Maschinenbaus sogar rückläufige Exporte aufweisen. Es sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber noch völlig unklar, welche Teilbereiche der Branche davon betroffen sind. „Hier kann des noch große Überraschungen geben“, so Wortmann.
ZVEI-Chefvolkswirt Andreas Gontermann sieht den chinesischen Markt trotz der Wirtschaftskrise weiter als Treiber für die Exporte der deutschen Elektroindustrie. Diese haben von Januar bis Oktober 2008 um 16% zugelegt. Das Konjunkturprogramm, das umfangreiche Investitionen in die Infrastruktur vorsieht, wird dem ZVEI zufolge ein stabilisierender Faktor für die deutschen Exporte nach China sein.
Nicht auszuschließen ist allerdings eine Entwicklung, bei der die Wirtschaftskrise in China eine politische Dimension annehmen könnte. Experten sehen die Gefahr von sozialen und politischen Unruhen, wenn in China die Marke von 7% bis 8% Wirtschaftswachstum für längere Zeit unterboten wird. "Die Stabilität des politischen Systems in China ist an das wirtschaftliche Wohlergehen der Bevölkerung geknüpft. Wird dies nicht mehr gewährleistet, kann die Unzufriedenheit beispielsweise mit der Korruption und der mangelnden Einklagbarkeit von Rechten schnell zunehmen“, so Sebastian Bersick, China-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin. Berichte über lokale soziale Unruhen seien bereits jetzt sehr häufig.
Auch Coface sieht das wirtschaftliche und politische Umfeld noch als relativ stabil an, trotz der konjunkturellen Abkühlung. Das Länderrating Chinas bleibt daher noch in der Stufe A3, steht aber jetzt unter Beobachtung für eine Abwertung. Grund dafür ist unter anderem das steigende Risiko von Zahlungsausfällen. Das hat eine Untersuchung von Coface China ergeben. 90 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, verspätet ihr Geld zu erhalten. 20 Prozent warten 60 Tage und länger als vereinbart. Dabei hat sich das durchschnittliche Zahlungsziel bereits auf 90 Tage erhöht. 2004 waren es noch 60 Tage. „Die vielfach angespannte Finanzlage sowie zunehmender Wettbewerb setzen Chinas Wirtschaft unter Druck. Unter solchen Bedingungen versuchen auch chinesische Unternehmen, ihre Liquidität bei nachlassenden Margen über den Lieferantenkredit zu stärken“, berichtet Norbert Langenbach, Vorstandsmitglied von Coface Deutschland.
Claus-Detlef Großmann




