Polen: Öffentliche Investitionen als unbeabsichtigtes Konjunkturpaket
Nachholbedarf beim Infrastrukturausbau als Konjunkturstütze
FRANKFURT 19.02.2010 (Dow Jones). Polen hat sich in der Krise wacker geschlagen. Im Jahr 2009 war es das einzige Land in der EU, das ein positives Wirtschaftswachstum vorweisen konnte; nach vorläufigen Angaben wuchs das polnische BIP um 1,7%. Auch wenn sich dies nach vielen Jahren mit Wachstumsraten von 4% bis 7% beinahe wie eine Rezession anfühlen mag, wie Gunter Deuber von der Deutschen Bank einwendet – alle anderen Länder der Region sind weitaus tiefer gefallen. Dass Polen beim Ausbau der Infrastruktur noch viel nachzuholen hat, ist derzeit das beste Konjunkturprogramm.
Gunter Deuber führt folgende Gründe an, warum sich Polen im Krisenjahr so robust halten konnte: Erstens sei Polen in den Jahren vor der Krise solide gewachsen, ohne in Extreme zu verfallen. Ein relativ hohes Zinsniveau habe das Wachstum etwas gebremst und das Land vor starken Ungleichgewichten und Überschuldung bewahrt. Zweitens sei das Land besser gegen externe Schocks geschützt, da der Außenhandel von geringerer Bedeutung sei. 2009 kam den Exporteuren der zwischenzeitlich schwache Zloty zugute, so dass sich die Exportwirtschaft einigermaßen gut geschlagen habe. Viel stärker habe Polen aber von seiner stabilen Binnennachfrage profitiert, die zusätzlich durch unabhängig von der Wirtschaftskrise beschlossene Steuersenkungen und Rentenerhöhungen stimuliert wurde. Aber auch die hohen, zu einem großen Teil mit Hilfe der EU finanzierten öffentlichen Investitionen trugen zur Stabilisierung bei. Die polnische Notenbank sicherte die nötige Liquidität und nutzte ihren Spielraum für deutliche Zinssenkungen. Auf eigene Konjunkturprogramme wie in Westeuropa konnte die polnische Regierung dagegen verzichten.
Dass der Binnenkonsum im vergangenen Jahr zu den Stützen der polnischen Wirtschaft gehört hat, bestätigt auch Volker Henseler von der Deutsch-Polnischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft in Górzow Wielkopolski. Dazu beigetragen haben neben der Steuerentlastung auch Gehaltserhöhungen, die allerdings nicht mehr so hoch wie früher ausgefallen seien. Zudem sei die Arbeitslosigkeit nicht so stark gestiegen wie befürchtet. Gleichwohl ist sie – insbesondere bei schlechterer Ausbildung und in ländlichen Regionen Ostpolens – ein strukturelles Problem, das schon während der zurückliegenden Boomjahre nicht gelöst werden konnte. In diesem Jahr dürfte der Druck auf den Arbeitsmarkt zunehmen, erwartet Deuber. Sollten zugleich die Reallöhne sinken, dürfte all dies den Privatkonsum belasten.
Sehr schwach entwickelt hat sich 2009 die private Investitionstätigkeit. Ausländische Direktinvestitionen gingen stark zurück. Und auch polnische Unternehmen investierten deutlich weniger, weiß Sven Rahn von der VR Leasing. Die Leasingtochter der DZ Bank ist in Mittel- und Osteuropa stark engagiert, nicht zuletzt auch in Polen. Ihr Neugeschäft ging in Polen um über 19% zurück, was in etwa dem Minus bei den Bruttoanlageinvestitionen in Polen entspricht, sagt Rahn. Besonders betroffen waren die Segmente Lkw und Baumaschinen. „Im Lichte der andernorts weit drastischeren Neugeschäftsentwicklung“ sei dies ein relativ moderater Rückgang gewesen. In der Region habe sich Polen noch am besten entwickelt. Dabei sei auch der schwächere Zloty eingepreist, da in Polen anders als in anderen mittel- und osteuropäischen Ländern viel Geschäft in Landeswährung abgewickelt werde. Eine deutlich geringere Investitionstätigkeit hat auch Juliane Krause vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) beobachtet. Nach den Zahlen des VDMA brach die Einfuhr deutscher Maschinen nach Polen in den ersten drei Quartalen um 38% ein. Seinen Status als klassischer kostengünstiger Industriestandort für die einfache Produktionsauslagerung habe Polen ohnehin längst verloren, sind sich Henseler und Deuber einig. Diesen Rang haben billigere Standorte Polen längst abgelaufen. Ein interessanter Standort sei das Land eher für das Outsourcing von Dienstleistungen oder für den Handel, etwa für expandierende Einzelhandelsketten, die von dem großen Binnenmarkt profitieren wollten.
Eine wichtige Konjunkturstütze sind derzeit die öffentlichen Investitionen, besonders die in die Verkehrsinfrastruktur. Hier hat Polen noch immer gewaltigen Nachholbedarf, auch im Vergleich zu anderen Ländern der Region. Derzeit stampft das Land mit Unterstützung der EU ein Autobahn- und Schnellstraßennetz aus dem Boden. Hinzu kommen Investitionen in den öffentlichen Nah- und Fernverkehr sowie in Stadien und Infrastruktur für die Fußball-EM 2012 – Baumaßnahmen, die lange vor der Wirtschaftskrise gestartet wurden und nun wie ein Konjunkturpaket wirken. So rechnet etwa der Zementhersteller Dyckerhoff 2010 mit einem Wachstum der Bautätigkeit um bis zu 10%. Auch mittel- und langfristig ist der Nachholbedarf riesig, etwa in der Energieversorgung, der Abfall- und Abwasserentsorgung, in der Umwelttechnologie oder in Verkehrsprojekten. Daher sind die Chancen für die Bauwirtschaft und Lieferanten entsprechender Maschinen und Technologie groß, sagt Krause. Zudem habe der polnische Gesetzgeber mit Blick auf öffentlich-private Partnerschaften neue Finanzierungsmöglichkeiten für Kommunen geschaffen. Auch EU-Fördermittel könnten hierfür beantragt werden. An Investitionsmöglichkeiten mangelt es also nicht, zumal auch noch weitere Privatisierungen anstehen.
Die Chancen eines Engagements in Polen überwiegen also deutlich die Risiken. Die Zahlungsstörungen haben zwar nach Angaben von Coface auch jenseits der Oder im Jahresverlauf 2009 zugenommen, sie sind aber international eher unterdurchschnittlich. Gegen Ende 2009 ist der Coface-Index der Zahlungsausfälle für Polen sogar wieder leicht gefallen. Im Länderrating (A3) hat Coface daher die negative Beobachtung Polens im Januar 2010 wieder zurückgenommen. Das könne jedoch aus Sicht von Coface nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kreditausfälle durchaus ein Thema seien. Auch Rahn sieht das so. Zwar noch immer auf einem relativ niedrigen Niveau, haben die Insolvenzen in Polen 2009 jedoch um 40% zugenommen. Entsprechend vorsichtiger gehe die VR Leasing beim Neugeschäft vor, sagt Rahn. Auch Deuber rechnet mit einem Anstieg Not leidender Kredite, „aber nicht dramatisch“. Im Vergleich zu anderen Ländern der Region seien Insolvenzen und Zahlungsausfälle kein so großes Problem, denn Privathaushalte wie Unternehmen seien kaum in Fremdwährung verschuldet.
Beste Voraussetzungen also, dass der polnische Konjunkturmotor auch im Jahr 2010 weiter läuft. Mit der konjunkturellen Beruhigung im Rest Europas dürften auch Exporte und private Investitionen wieder zunehmen. Das Land hat allerdings noch viele strukturelle Probleme zu lösen, angefangen beim Arbeitsmarkt über den Staatshaushalt bis hin zur starken Schattenwirtschaft. Mittel- und langfristig wird sich Polen wohl auf niedrigere Wachstumsraten als während der Boomjahre einstellen müssen.
Jan Döhler




