Kongress Länderrisiken 2010

29. April 2010 Rheingoldhalle Mainz

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Indonesien wird oft unterschätzt


Binnenkonsum treibt Wirtschaftswachstum / Noch weit von den BRIC entfernt

FRANKFURT 20.01.2010 (Dow Jones). Auf der Suche nach den Märkten von Morgen jenseits von China oder Indien entdecken immer mehr Ökonomen und Analysten Indonesien für sich. Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O’Neill, der 2003 die vier großen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China unter dem berühmten Begriff „BRIC“ zusammenfasste, hatte Indonesien bereits 2005 mit zehn weiteren Schwellenländern als „Next Eleven“ im Windschatten der BRICs gesehen. Der New Yorker Nationalökonom Nouriel Roubini schrieb Ende 2009, Russland habe sich in O’Neills BRIC-Prognose als „Hochstapler“ erwiesen. An seiner Stelle sollte Indonesien zu den BRICs aufschließen und sie gewissermaßen in „BIIC“ umwandeln. In der Tat hat Indonesien in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung genommen, die selbst durch die jüngste globale Wirtschaftskrise kaum zu stoppen war.

In den 1990er Jahren galt die riesige Inselrepublik gemeinsam mit anderen südostasiatischen „Tigern“ als einer der Wachstumsmärkte überhaupt. Doch die Asienkrise 1997/98 traf das Land härter als die meisten seiner Nachbarn: Es folgten der Staatsbankrott, das Ende des Suharto-Regimes 1998, instabile Nachfolgeregierungen, gewaltsame Proteste und ethnische Konflikte im ganzen Land, Terroranschläge und zu allem Überfluss auch noch Naturkatastrophen wie der verheerende Tsunami. Bis etwa 2004 war das Land wie gelähmt.

Doch seit der Wahl von Präsident Susilo Bambang Yudhoyono im Oktober 2004 scheint Indonesien zu politischer und wirtschaftlicher Stabilität zurückgefunden zu haben. Im Juli 2009 wurde der populäre „SBY“ bereits im ersten Wahlgang wiedergewählt, seine Partei ist seit den Parlamentswahlen im April 2009 stärkste Kraft.

Auch wirtschaftlich hat das Land einen steilen und zugleich recht stabilen Aufschwung erlebt. Das reale Wachstum des Bruttoinlandsproduktes stieg zwischen 2003 und 2007 von 5% auf 6,3%, 2008 lag es bei 6,1%. Das Krisenjahr 2009 hat den Export- und Rohstoffsektor zwar getroffen, dennoch dürfte das BIP Schätzungen zufolge noch real um 4,3% gewachsen sein. Asien-Experte Steffen Dyck von der Deutschen Bank erklärt das in erster Linie mit dem starken Binnenkonsum. Die Inselrepublik sei „deutlich weniger vom Export abhängig als andere asiatische Länder“. Zudem habe sich das Finanzsystem als relativ immun gegen die externen Schocks erwiesen. Indonesiens Banken seien „überwiegend auf den heimischen Markt konzentriert und solider aufgestellt als während der Asienkrise“, so Dyck. Offenbar haben Banken und Aufsicht aus den Fehlern von damals gelernt.

Mit etwa 230 Millionen Einwohnern hat Indonesien die viertgrößte Bevölkerung weltweit – und ist zugleich das bevölkerungsreichste überwiegend muslimische Land. Wegen des geringen Lebensstandards ist der Nachholbedarf in vielen Bereichen hoch. Allerdings ist das Pro-Kopf-Einkommen mit durchschnittlich etwa 2.300 USD pro Kopf noch sehr niedrig. Dennoch eröffnen der große Binnenmarkt und die zuletzt stabile Kaufkraft der Konsumgüterindustrie und dem Einzelhandel gute Möglichkeiten. Durch Steuersenkungen, höhere Ausgaben in Soziales, Bildung und Gesundheit, subventionierte Benzinpreise und ähnliche Maßnahmen hat die Regierung Yudhoyono die heimischen Verbraucher auch in der Weltwirtschaftskrise bei Laune gehalten. Auch die wiedererstarkte Währung, die indonesische Rupiah, und eine vergleichsweise niedrige Inflationsrate von etwa 6% (2009) haben zur Erhaltung der Kaufkraft beigetragen.

Im Gegensatz dazu stellt sich der Exportsektor Indonesiens eher schwach dar, zumal im Vergleich zu anderen Staaten der Region. Dabei verspricht das Umfeld potenziellen Investoren auf den ersten Blick viele Vorteile: Indonesien ist Gründungsmitglied der südostasiatischen ASEAN-Gruppe, deren Mitglieder beinahe 600 Millionen Einwohner zählen. Mit vielen Staaten – unter anderem mit China – bestehen inzwischen Handelsabkommen. Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse wurden stellenweise abgebaut. Coface Deutschland lobt in ihrem „Handbuch Länderrisiken 2009“ auch das im März 2007 in Indonesien eingeführte neue Investitionsgesetz, das ausländische Direktinvestitionen einfacher und Schiedsverfahren transparenter macht. Und schließlich machen niedrige Arbeitskosten Indonesien als Produktionsstandort auch im Vergleich zu anderen ASEAN-Ländern konkurrenzfähig.

Dennoch gewinnen Investoren nur langsam wieder Vertrauen in den Investitionsstandort Indonesien. Als Produktions- und Exportstandort zur Bedienung der ASEAN-Region spielt das Inselreich zumindest für die deutsche Industrie bislang kaum eine Rolle. VW hat im Sommer 2009 ein neues Werk in Indonesien eröffnet, Daimler ist schon seit den 80er Jahren präsent. Doch beide montieren unter Umgehung höherer Zölle für Importautos lediglich einige Modelle aus importierten Komponenten für den lokalen, als noch wenig entwickelt geltenden Markt. Und der hat etwa für VW im Vergleich zu den „BRICs“ noch keine große Bedeutung. Für den Export jedenfalls wird in anderen Ländern Asiens produziert, vornehmlich in China. Die bedeutendsten Ausfuhrgüter Indonesiens sind neben Rohstoffen und Agrarprodukten auch Textilien und Bekleidung sowie Elektronik und Elektrotechnik. Hauptabnehmer sind Japan, die USA, China und einige Nachbarstaaten.

Die Liste der Hindernisse und Gefahren für ausländische Investoren ist noch lang. Deutsche-Bank-Experte Dyck, Coface und Germany Trade & Invest (gtai) beklagen unisono die überbordende Bürokratie, die geringe Transparenz in Regierung und Unternehmen, eine teilweise mangelnde Rechtssicherheit, die schwache Infrastruktur sowie die trotz aller Reformbemühungen noch immer vorhandenen Zollschranken und Handelshemmnisse. Ein besonderes Problem ist die Korruption. Im Korruptionsindex von Transparency International hat sich Indonesien zuletzt zwar stetig verbessert, mit einer Note von 2,8 teilt es sich aber noch immer mit einigen afrikanischen Ländern Platz 111 von 180. Die genannten Schwierigkeiten, vor allem aber die Korruption sind auch der Grund, weshalb das Land im Rating Geschäftsumfeld von Coface mit C schlechter abschneidet als im gesamten Länderrating (B).

Mittel- bis langfristig bestünden zudem auch weiterhin politische und ökonomische Risiken. Dyck sieht die Regierung insgesamt auf dem richtigen Weg. Aber die Probleme von einst sind keineswegs verschwunden: Wie stabil die Regierung in Jakarta tatsächlich ist, wird sich erst zeigen, wenn das Land wieder in schwierigeres Fahrwasser geraten sollte. Ethnisch bleibt das Riesenland ein Pulverfass. Für zusätzlichen sozialen Sprengstoff sorgen die große Armut, hohe Einkommensunterschiede und die ungleiche regionale Wohlstandsverteilung mit dem dadurch entstehenden Migrationsdruck. Auch ökonomisch steht das Land vor Herausforderungen. Die spendable Fiskalpolitik im Wahlkampf hat zwar den Binnenmarkt stabilisiert – und wohl auch zum erneuten Wahlsieg Yudhoyonos beigetragen –, belastet nun aber den Staatshaushalt. Der zuletzt hohe Zufluss ausländischen Kapitals – der Jakarta Composite Index hat sich 2009 beinahe verdoppelt – stärkt die Rupiah, sehr zur Sorge der exportierenden Unternehmen. Externe Schocks könnten aber wie im Herbst 2008 zu einem plötzlichen Abfluss dieses Auslandskapitals führen – das Währungsrisiko steigt damit. Und sollten die Rohstoffpreise steigen, könnte auch die Inflation wieder anziehen, warnt Dyck.

Klaus Friedrich, Asien-Experte beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), sieht hingegen eher die Chancen. Die Risiken und Probleme seien zwar vorhanden, für Investoren allerdings kaum von Bedeutung. Gerade kleinere und mittelständische Produzenten hätten sich „Indonesien ja noch nicht einmal angeguckt. Muss es denn immer gleich China oder Indien sein?“ Dabei könnte es gerade für Mittelständler vorteilhaft sein, zunächst kleinere, überschaubare Märkte zu erobern und Marktanteile zu sichern, noch bevor dort die Konkurrenz auftaucht. „In China sind sie stattdessen nur ein kleines Korn in einem riesigen Reissack“, sagt Friedrich.

Zweifellos mangelt es in Indonesien nicht an Geschäfts- und Investitionschancen, sei es in der öffentlichen Infrastruktur, bei der Stromversorgung und im Umweltschutz, bei der Nutzung der Geothermie oder der Produktion von Palmöl, im Tourismus oder der Förderung fossiler und mineralischer Rohstoffe. Dass auch in der Krise investiert wird, beweisen die Maschinenimporte, die in den ersten drei Quartalen 2009 um 9% zulegten – entgegen dem ASEAN-Trend.

Trotz aller Risiken – Indonesien hat großes Entwicklungspotenzial. Es jedoch bereits jetzt in einem Atemzug mit Brasilien oder gar China zu nennen, dafür ist es noch zu früh. Indonesien ist noch ein gutes Stück weit davon entfernt, in dieser Liga mitzuspielen.


Jan Döhler

 

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