GUS: Zurück auf den Wachstumspfad
Gute Aussichten für Russland, die Ukraine und Kasachstan / Vorsicht ist dennoch geboten
FRANKFURT 26.02.2010 (Dow Jones). Seit dem Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise sind die Risiken für ein Engagement in Russland, Kasachstan und der Ukraine klar gestiegen. Doch es gibt Lichtblicke: In allen drei Ländern dürfte es mit dem Wirtschaftswachstum in diesem Jahr wieder bergauf gehen, und viele Unternehmen sehen nach wie vor gute Geschäftschancen.
Für Russlands Wirtschaft brachte das Jahr 2009 den schärfsten Einbruch seit der Rubelkrise 1998. Der BIP-Rückgang belief sich auf 7,9%. In diesem Jahr will die russische Wirtschaft wieder auf einen Wachstumspfad einschwenken; Finanzminister Alexej Kudrin rechnet mit einem Zuwachs von 3,1%, Analysten der Staatsbank VTB halten sogar 4,9% für möglich. Gute Nachrichten für deutsche Unternehmen, schließlich hat sich der Konjunktureinbruch deutlich in der deutsch-russischen Handelsbilanz niedergeschlagen: Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums war der bilaterale Handelsumsatz in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres mit 41,2 Mrd EUR um mehr als ein Drittel niedriger als im Vorjahreszeitraum.
Doch nicht nur die Handelsbeziehungen standen auf der Agenda von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle, als er am 18. und 19. Februar für zwei Tage nach Moskau reiste. Brüderle ging es auch darum, wie die Wirtschafts- und Finanzkrise überwunden und die Wirtschaftskooperation in den Bereichen Industrie, Energie sowie Informations- und Telekommunikationstechnologien ausgebaut werden kann. Die Stimmung unter den deutschen Teilnehmern in Moskau war „grundsätzlich gut“, weiß Gert-Michael Raabe, Vorsitzender des Ost- und Mitteleuropa Vereins (OMV). Raabe, der auch zur Delegation gehörte, verweist in diesem Zusammenhang auf die Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft vom Dezember 2009: 57% der 200 befragten deutschen Unternehmen rechnen 2010 mit einer positiveren wirtschaftlichen Entwicklung in Russland, 17% der Befragten spüren bereits eine Erholung.
Doch nicht nur die großen deutschen Energiekonzerne wie E.ON Ruhrgas und die BASF-Tochter Wintershall, die jeweils 20% am Ostseepipelineprojekt Nord Stream halten, setzen weiter auf den russischen Markt. So gab beispielsweise Siemens zum Jahreswechsel 2009/10 bekannt, bis zu 54 Nahverkehrszüge nach Sotschi zu liefern, wo 2014 die Olympischen Winterspiele ausgetragen werden. Das Auftragsvolumen belaufe sich auf bis zu 580 Mio EUR. Die Lieferung von 38 Zügen, die in Krefeld gefertigt werden sollen, sei schon fest vereinbart. Für weitere 16 Einheiten sei ein Vorvertrag geschlossen worden; diese Züge sollen dann teilweise in Russland gefertigt werden. Auch der Duft- und Geschmackstoffhersteller Symrise sieht in Russland gute Absatzchancen. Das MDAX-Unternehmen teilte Anfang Februar mit, in der Nähe von Moskau einen voll integrierten Produktionsstandort aufzubauen und in der zweiten Jahreshälfte 2010 mit der Produktion zu beginnen.
Auch die großen Automobilhersteller sehen langfristige Chancen in Russland: So unterzeichnete Daimler vor wenigen Wochen eine Absichtserklärung mit der russischen Investmentbank Troika zur Übernahme von 5% der von Troika gehaltenen Anteile an dem russischen Lkw-Hersteller Kamaz. Daimler übernimmt davon zunächst 1%, während die restlichen 4% von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) gehalten werden. Schon seit 2008 ist Daimler zu 10% an Kamaz beteiligt. Auch der italienische Automobilkonzern Fiat will den Wettbewerbern in Russland nicht hinterherfahren. Die Italiener gründeten offiziell Mitte Februar 2010 ein Joint Venture mit dem russischen Automobilhersteller Sollers. Insgesamt wollen Fiat und Sollers 2,4 Mrd EUR in das Gemeinschaftsunternehmen investieren. Die Investitionen sollen mit Hilfe eines langfristigen Darlehens, das vom russischen Staat unterstützt wird, finanziert werden.
Doch gerade mittelständische Unternehmen sollten sich genau überlegen, ob sie in diesem Jahr Geschäftsbeziehungen zu Russland knüpfen sollten, besitzen sie doch meist – im Gegensatz zu den Global Playern – eine dünnere Kapitaldecke. Die allgemeine Kreditverknappung, die stärkere Sparneigung der russischen Haushalte und die Bemühungen der Unternehmen, ihre Schulden zu tilgen, dürften dazu führen, dass sowohl die Binnennachfrage als auch die Investitionen nur langsam wieder zulegen. Da der russische Staat jedoch über ein üppiges Finanzpolster in Form von Fonds und Währungsreserven verfügt, kann er es sich leisten, seine Konjunkturprogramme fortzusetzen. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass manche russischen Unternehmen und kleine Banken, die nicht vom Staat geschützt werden, in diesem Jahr erneut in finanzielle Schwierigkeiten geraten. „Die Zahl fauler Kredite steigt. Die Diversifikation der Wirtschaft kommt nur langsam voran“, sagt OMV-Vorsitzender Raabe. Die Zahlungsmoral hat sich stark verschlechtert, und der Coface-Index für Zahlungsausfälle liegt deutlich über dem weltweiten Durchschnitt. Daher wurde Russland im Laufe des Jahres 2009 im Coface-Länderrating von B auf C abgewertet, auch weil insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen stark unter der Wirtschaftskrise leiden. Im Rating Geschäftsumfeld, das die Transparenz von Unternehmensbilanzen und den Gläubigerschutz bewertet, stuft Coface Russland unverändert mit B ein.
Mit der Wirtschafts- und Finanzkrise hat auch Russlands Nachbar Kasachstan zu kämpfen. Zum einen ist das zentralasiatische Land wie Russland stark vom Ölexport abhängig und bekam den sinkenden Ölpreis daher mit voller Wucht zu spüren. Zum anderen machte sich die Kreditverknappung aufgrund der Bankenkrise schmerzhaft bemerkbar. Hinzu kam: Russland, Hauptabnehmer der kasachischen Produkte, litt selber unter den Auswirkungen der Krise. War die kasachische Wirtschaft zwischen 2000 und 2006 im Durchschnitt um 10% gewachsen, wurde das Wirtschaftswachstum 2009 regelrecht abgewürgt: Der Zuwachs lag bei nur 1,1%. In diesem Jahr will die Wirtschaft um 1,5% bis 2% zulegen. Die Maßnahmen zur Stützung des Bankensystems und der Konjunktur könnten dazu führen, dass sich die Wirtschaft im laufenden Jahr moderat erholt. Dazu beitragen könnten aber auch die wieder steigenden Rohstoffpreise. Mittelfristig dürfte die Wirtschaft auch wieder schneller wachsen, da sich die Erdölförderung durch die Erschließung des Ölfeldes von Kashagan, den Bau mehrerer Transit-Erdölpipelines und vor allem die wieder steigenden Auslandsinvestitionen voraussichtlich verdreifachen wird.
Allerdings will Kasachstan sich von seiner Abhängigkeit vom Erdöl lösen. „Wir können nicht ewig ein Land bleiben, das nur Rohmaterial ausführt“, sagt Präsident Nursultan Nasarbajew. Kasachstan wolle zu den 50 wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt gehören, sein Land müsse diversifizieren. Experten beklagen allerdings, dass für kleine und mittelständische Investoren gleich drei Behörden zuständig sind: Kazneks, Kazinvest und das Komitee für Investitionen beim Ministerium für Industrie und Handel. Die Anzahl der beteiligten Einrichtungen der Wirtschafts- und Investitionsförderung sei unüberschaubar, und es fehle an Transparenz und Koordination. Wegen der schwierigen Rahmenbedingungen stuft der Forderungsspezialist Coface Kasachstan sowohl im Länderrating als auch im Rating Geschäftsumfeld mit B ein. Diese Bewertung blieb allerdings – im Gegensatz zu der Russlands oder der Ukraine – im Jahresverlauf 2009 unverändert.
Im Fall der Ukraine hat Coface das Länderrating von C auf D herabgestuft. Das Rating Geschäftsumfeld liegt nach wie vor bei C. Die ukrainische Wirtschaft ist 2009 nach IWF-Schätzung um 14% eingebrochen. Die Landeswährung Griwna verlor im Zuge der Finanzkrise zeitweise 60% ihres Wertes zum US-Dollar. Für 2010 und 2011 rechnet die EBRD allerdings mit einem BIP-Wachstum von 3%. Die Unternehmen und Banken dürften nach wie vor Probleme haben sich zu refinanzieren bzw. ihre auf Devisen laufenden Verbindlichkeiten umzuschulden. Die Insolvenz mehrerer Staatsbetriebe hat den Vertrauensverlust an den Märkten noch verstärkt. Angesichts der makroökonomischen Perspektiven, der Ungewissheit im Hinblick auf den Wechselkurs und der allgemein kritischen politischen Lage ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich die Finanzlage der Firmen und Banken verbessern wird. Die mehr als 1.000 deutschen Unternehmen, die mit eigenen Repräsentanzen, Filialen oder Joint Ventures in der Ukraine vertreten sind, dürften daher mit Spannung beobachten, welchen wirtschaftspolitischen Kurs der neue Präsident Wiktor Janukowitsch einschlagen wird.
Michael Klose




