Kongress Länderrisiken 2010

29. April 2010 Rheingoldhalle Mainz

Perspektiven für die Außenwirtschaft
Coface-Ceo Cazes zu Ratings
Wer finanziert den Aufschwung?
Wirtschaftsfaktor Fußball
Impressionen Kongress 2010

News

weitere Newsbeiträge

Staatliche Investitionen treiben Wachstumslokomotive China an


BIP-Wachstum von 9,5% / Wachsende Mittelschicht ist attraktiv

FRANKFURT 27.01.2010 (Dow Jones). Die chinesische Wirtschaft kommt in diesem Jahr wieder kräftig in Schwung. Die Wirtschaftsleistung wird nach Einschätzung eines staatlichen Forschungsinstituts um 9,5% und damit stärker als 2009 zulegen. Auch das F.A.Z.-Institut prognostiziert für die Volksrepublik ein BIP-Wachstum in gleicher Höhe. Damit bleibt das Land, das gerade Deutschland als Exportweltmeister abgelöst hat, Wachstumslokomotive für den Welthandel.

So hat das Verarbeitende Gewerbe in China zum Jahresende 2009 einen regelrechten Endspurt hingelegt. Wie aus dem Einkaufsmanagerindex der Großbank HSBC hervorgeht, stieg das Barometer für Dezember um 0,4 Zähler auf 56,1 Punkte. Das markiert das höchste Niveau seit Beginn der Befragung im April 2004. Experten sind zuversichtlich, dass sich das Barometer zunächst über der Wachstumsschwelle von 50 Zählern halten wird. Die Regierung in Peking tut alles, um die Wirtschaft des Landes am Laufen zu halten. Volkswirte machen sich dennoch Sorgen um eine Überhitzung und befürchten, dass im Immobilien- und Finanzsektor neue Blasen entstehen könnten.

Die Konjunktur soll mit einem 4 Bill CNY (umgerechnet 450 Mrd EUR) schweren Paket angekurbelt werden. Die Gelder fließen unter anderem in Infrastrukturmaßnahmen und haben zu einem Immobilienboom geführt, der die Preise geradezu explodieren ließ. Das Ausbleiben der ausländischen Direktinvestitionen hat die chinesische Regierung durch eine expansive Geldpolitik aufgefangen. So haben die Banken in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres ein Rekordvolumen von 9,21 Bill CNY (umgerechnet rund 937 Mrd EUR) an neuen Krediten ausgereicht.

Experten verfolgen die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. „China ist momentan tatsächlich Motor der Weltwirtschaft und wird es wahrscheinlich im Jahr 2010 auch bleiben. Allerdings bleiben bezüglich der Qualität des Wachstums noch Fragezeichen“, sagt Jonas Keller, Regional Manager Greater China beim OAV – German Asia-Pacific Business Association in Hamburg. Der Großteil des Wachstums basiere auf vom staatlichen Konjunkturprogramm angetriebenen Investitionen, so dass deren Anteil am BIP 2009 wahrscheinlich 50% übersteigen werde. Dies sei der höchste jemals gemessene Wert für eine große Volkswirtschaft, betont Keller. Es bestehe die Gefahr, dass hierdurch bestehende Überkapazitäten verstärkt werden und sich mithin das Wachstum als nicht nachhaltig erweisen werde.

Dennoch will die deutsche Wirtschaft weiterhin vom andauernden China-Boom profitieren – und hat dabei auch die sich immer stärker herausbildende Mittelschicht im Visier. Denn die asiatischen und insbesondere die chinesischen Verbraucher gewinnen immer mehr an Bedeutung, wie aus einer Studie von Deutsche Bank Research hervorgeht. Die Entstehung einer Mittelschicht mache das Land zu einem attraktiven Markt für eine ganze Reihe von Produkten, von Finanzdienstleistungen bis hin zu Konsumgütern. So kündigte der Metro-Konzern in der ersten Januarwoche 2010 an, in diesem Jahr die ersten Filialen seiner Elektronik-Kette Media Markt in Shanghai zu eröffnen. Metro gründet hierfür ein Gemeinschaftsunternehmen, an dem der Düsseldorfer Konzern 75% und der chinesische Partner Foxconn Technology Group 25% der Anteile hält. Die strategische Steuerung und das operative Geschäft liegen bei Media Markt. Metro sieht allein in den nächsten fünf Jahren ein Potenzial von mehr als hundert Märkten.

Auch der VW-Konzern sieht in China das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. 2009 steigerten die Wolfsburger ihren Absatz im Reich der Mitte um rund 37% auf ein Allzeithoch von 1,4 Mio Einheiten. Von der Premiummarke Audi wurden 158.941 Fahrzeuge verkauft – knapp 33% mehr als 2008. Bis 2012/13 will Audi rund 250.000 Autos pro Jahr verkaufen. Damit wäre die Volksrepublik der wichtigste Einzelmarkt. Das Unternehmen lässt seit vergangenem Dezember neben dem A4 und dem A6 auch den Geländewagen Q5 dort produzieren.

Doch nicht nur deutsche DAX-Konzerne wie Metro oder VW hoffen auf einen langfristigen Aufschwung in China, sondern auch der deutsche Mittelstand. Gerade für mittelständische Maschinen- und Anlagenbauer war China ein Lichtblick in einem ansonsten schwierigen Jahr 2009. So stiegen die deutschen Maschinenlieferungen in den ersten zehn Monaten um 3,3% auf 9,3 Mrd EUR gegenüber dem Vorjahreszeitraum, während alle anderen Hauptmärkte einen Rückgang verbuchten, heißt es beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in Frankfurt am Main. Die Branche hoffe, an den Programmen der Regierung auch 2010 partizipieren zu können, sagt Oliver Wack, Referent beim VDMA für Ostasien. Die Chinesen seien an hocheffizienten, Ressourcen schonenden Maschinen „Made in Germany“ interessiert.

Daher begleiteten auch zahlreiche Mittelständler Rainer Brüderle bei dessen erster Reise als Bundeswirtschaftsminister Anfang Dezember 2009 nach China. Brüderle machte sich in Peking ein Bild davon, wie der deutsche Türenhersteller Hörmann aus Steinhagen (bei Bielefeld) fast ausschließlich für den dortigen Markt produziert. Die Geschäfte von Hörmann laufen so gut, dass das Unternehmen im Herbst 2009 für 12,5 Mio EUR ein zweites Werk mit einer Fläche von 16.000 Quadratmetern eröffnet hat. Im neuen Werk Tianjin sind 75 Mitarbeiter beschäftigt, insgesamt arbeiten in China 350 Mitarbeiter für das ostwestfälische Familienunternehmen.

Doch bei Brüderles Besuch waren auch deutlich die Probleme deutscher Mittelständler in China zu vernehmen. So sei die Fluktuation der Mitarbeiter ein Problem, war zu hören. Fakt ist, dass viele chinesische Wanderarbeiter keine Loyalität kennen. Zahlt ein anderer Arbeitgeber mehr, zieht der Wanderarbeiter weiter.

Kopfschmerzen bereitet vielen deutschen Unternehmen auch die fehlende Rechtssicherheit. So wird China im Rating Geschäftsumfeld von Coface nur mit B bewertet; im gesamten Länderrating schneidet das Land mit A3 besser ab. Mit dem Anfang 2008 eingeführten Rating „Geschäftsumfeld“ wird die Qualität konkreter Rahmenbedingungen für Unternehmen eines Landes bewertet. Überprüft wird dabei, ob Zahlen aus dem Rechnungswesen der Unternehmen verfügbar und auch verlässlich sind und ob das Rechtssystem einen angemessenen Gläubigerschutz bietet und eine schnelle Durchsetzung von Zahlungsansprüchen ermöglicht. Ferner wird untersucht, ob die Institutionen des Landes günstige Rahmenbedingungen für die Unternehmen schaffen. Ähnlich wie beim Länderrating werden sieben Bewertungsstufen vergeben (von A1 „geringstes Risiko“ bis D „höchstes Risiko“).

Um die Transparenz der Unternehmen ist es allerdings schlecht bestellt. Finanzinformationen sind nur schwer zu bekommen, und wenn, dann enthalten die Bilanzen kaum verlässliche Daten. Das Rechtswesen bietet vor allem dem ausländischen Kreditor nur wenig Schutz. Auch der Anstieg der Zahlungsverzögerungen sorgt oftmals für Frust. In 75% der Fälle wird das Fälligkeitsdatum um mehr als 30 Tage überschritten. Diebstahl von geistigem Eigentum und Korruption sind zwei weitere Punkte, die deutschen Unternehmen das China-Geschäft erschweren.

Zudem nehmen viele deutsche Firmen die Vorschriften in China oft nicht ernst genug, wie OAV-Experte Keller aus Erfahrung weiß. „Unternehmen sollten sich immer genau an diese halten, denn die Genauigkeit der Behörden nimmt immer weiter zu“, sagt er. Auch wenn Regelverstöße nicht direkt geahndet würden, könnten sie in späteren Situationen noch als Druckmittel gegen das Unternehmen hervorgeholt werden und somit Spätfolgen haben.

Das Traditionsunternehmen Steiff hat seine eigenen Erfahrungen gemacht und lässt sein China-Engagement auslaufen. Die Ware, die seit 2004 dort produziert wurde, hatte zu große Qualitätsmängel. Zudem litt auch Steiff unter der Fluktuation der Mitarbeiter, die letztlich die Löhne nach oben trieb und die Fertigung verteuerte. Derzeit produziert Steiff lediglich 5% seines Spielwarensegments in der Volksrepublik. Ende 2010 soll es dort dann für Steiff heißen: „Time to say goodbye“.


Michael Klose

 

zurück zur Übersicht