Unsicherheit am Markt für Exportfinanzierungen
FRANKFURT 31.03.2009 (Dow Jones). Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise belastet in immer stärkerem Ausmaß die deutsche Exportwirtschaft. Nicht nur die Auslandsnachfrage bricht ein, es wird auch immer schwieriger, die für die Abwicklung der Aufträge notwendigen Finanzierungen und Absicherungen zu erhalten.
Marktteilnehmer berichten, dass vor diesem Hintergrund ein zunehmendes Interesse an Finanzierungen mit staatlicher Deckung zu beobachten ist. Das bestätigt auch Joachim Landgraf: „Unser Geschäft boomt“, sagt der Leiter der Abteilung Trade&Export Finance der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Insbesondere aus den GUS-Staaten und Lateinamerika kommen seinen Worten zufolge zahlreiche Anfragen. Laut Euler Hermes, dem Mandatar des Bundes für die staatliche Kreditversicherung, sind seit Februar steigende Antragszahlen zu verzeichnen. Dies betreffe das gesamte Produktportfolio von Sammel- und Einzeldeckungen über Kurzfrist- bis zu Mittel- und Langfristgeschäften.
LBBW-Experte Landgraf räumt jedoch ein, dass die Absicherung der Risiken grundsätzlich sehr schwierig geworden ist. Auch sei nicht klar, ob es sich um eine „Bugwelle“ von zusätzlichen Geschäften handelt, die in den kommenden Monaten ausläuft. Seiner Aussage zufolge haben sich die Rahmenbedingungen für das Geschäft in den vergangenen Monaten „dramatisch“ verändert. So seien die Margen um das zwei- bis vierfache gestiegen. Trotz gestiegener Risiken finanziere die LBBW weiterhin Geschäfte in Ländern wie Weißrussland, der Ukraine oder Kasachstan.
Obwohl Kunden bereit sind, deutlich mehr für Fremdkapital zu bezahlen, halten sich Banken mit der Kreditvergabe zurück. Der Grund: Es ist gegenwärtig extrem schwierig, eine langfristige Refinanzierung am Markt zu erhalten. Nach Auskunft von Bankenvertretern kann in der Regel nur noch unter einem Jahr refinanziert werden. Die LBBW konnte im Gegensatz zu anderen Kreditinstituten noch zu Jahresanfang durch die Ausgabe eines Pfandbriefes Langfristkapital einsammeln. Insgesamt gilt dieser Markt jedoch als nicht voll funktionsfähig. Und auch die rund 1 Mrd EUR, die die LBBW aus dem Pfandbriefgeschäft erlöst hat, sind endlich. Wollen Banken trotzdem langfristige Darlehen anbieten, sind sie zu einer Fristentransformation gezwungen. Konkret heißt dies, dass langfristige Kredite an die Kunden mit kurzfristig aufgenommenem Kapital refinanziert werden.
Im Augenblick seien Unternehmen im Vorteil, die lange und stabile Beziehungen zu ihren Hausbanken gepflegt haben, sagt Axel Schäfer, Finanzierungsexperte bei der Herrenknecht AG. Denn in Zeiten finanzieller Turbulenzen sind offenbar immer weniger Banken geneigt, Kredite an bis dato unbekannte Neukunden zu vergeben. Nach Aussage von Schäfer gibt es mittlerweile Fälle, in denen Firmen bereits grünes Licht für staatliche Hermes-Deckungen erhalten haben, aber keine Finanzierungszusage von Bankenseite vorweisen können. Allerdings ist es im Augenblick sehr schwer zu quantifizieren, ob eine allgemeine Kreditklemme vorherrscht oder doch nur bestimmte Branchen und Unternehmen betroffen sind. So spricht der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) vorsichtig von einem „gewissen Engpass“ bei Bankenfinanzierungen. Insgesamt haben sich nach Einschätzung von Marktteilnehmern die Bearbeitungs- und Rückmeldefristen bei den Banken jedoch generell erhöht. Gegenwärtig herrscht sowohl bei Finanzdienstleistern als auch Unternehmen große Unsicherheit, wie sich die Lage weiter entwickelt. „Man fährt nur auf Sicht“, heißt es deshalb.
Nach Einschätzung von Finanzierungsexperte Schäfer stellt die abnehmende Bonität der Kunden ein erhebliches Hindernis dar. Diese sei im vergangenen Jahr bereits „grenzwertig“ gewesen, habe sich im laufenden Jahr in vielen Fällen allerdings weiter verschlechtert. Deshalb akzeptiere auch Euler Hermes als Mandatar des Bundes viele Risiken nicht mehr. Marktteilnehmer berichten davon, dass aufgrund der Wirtschaftskrise darüber hinaus viele Vorhaben im Ausland verschoben oder gar ganz abgesagt werden. Verträge geraten damit in die Warteschleife und großvolumige Abschlüsse sind selten geworden.
Auch die privaten Kreditversicherer, die sich im Wesentlichen auf das kurzfristige Geschäft konzentrieren, verhalten sich nach Auskunft von Marktteilnehmern gegenwärtig restriktiv. Auf Grund solcher Klagen hatte die EU-Kommission Ende vergangenen Jahres grundsätzlich die staatliche Absicherung von Exportgeschäften mit kurzen Laufzeiten für nicht mehr deckungsfähige Märkte zugelassen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass in mindestens vier Fällen nachgewiesen wird, dass keine Absicherungen von privaten Kreditversicherern zu erhalten sind. Wie es beim Mandatar Euler Hermes heißt, liegen mittlerweile für vier bis fünf Länder entsprechende Beispiele vor. Diese würden im Bundeswirtschaftsministerium darauf geprüft, ob sie vom Staat abgesichert werden können. Sollte dies der Fall sein, hat die EU-Kommission zwei Monate Zeit zu entscheiden, ob die Länder wieder für Hermes-Deckungen geöffnet werden.
Der Kreditversicherer Coface verweist darauf, dass es keine generell restriktive Haltung gebe. Die Entscheidungen hinsichtlich der Annahme neuer Verträge basiere ebenso wie die Limitentscheidungen bei bestehenden Verträgen auf einer intensiven Prüfung der konkreten Geschäftsbeziehungen. Anders als die staatliche Deckung könne die private Kreditversicherung nicht als Förder- oder Subventionsinstrument gesehen werden. Wenn die Risikoprüfung ergebe, dass der Versicherungsnehmer höchst wahrscheinlich bei bestimmten Abnehmern einen Forderungsverlust erleiden wird, müsse der Versicherer reagieren. "Das ist unsere Aufgabe", sagte Pressesprecher Erich Hieronimus. "Wir können unsere Kunden doch nicht ermutigen, hoch riskante Geschäfte einzugehen." Da die Risiken in allen Ländern und nahezu allen Branchen dramatisch gestiegen seien und weiter steigen werden, sei die Kreditprüfung entsprechend vorsichtig. "Gerade jetzt ist die Einzelfallbetrachtung wichtig", sagte Hieronimus. Es gelte, die nach wie vor möglichen guten Geschäftsbeziehungen von den riskanten zu selektieren. "Auch wenn das offenbar nicht jeder verstehen will: Restriktionen dieser Art sind im Interesse der Unternehmen. Mit Forderungsverlusten und Folgeinsolvenzen ist niemandem gedient."
Lars Hoffmann, NfA




