Neue Chancen für deutsche Unternehmen in Brasilien
Regierung plant umfangreiche Investitionen - Doppelbesteuerung muss geregelt werden
Frankfurt 04.12.07 (Dow Jones News) – Die positiven Wachstumsaussichten Brasiliens eröffnen derzeit interessante Geschäftschancen für deutsche Firmen. Das Land profitiert von der steigenden Nachfrage aus Ostasien – insbesondere bei Agrar- und Bergbauprodukten. Zudem gilt es als der weltgrößte Ethanolproduzent. Brasilianische Finanzmarktexperten erwarten laut einer Umfrage der Zentralbank für das laufende Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 4,7%. Für 2008 liegt ihre Prognose bei 4,37%. Auch die Deutsche Bank bewertet die brasilianische Wirtschaft als robust und rechnet für 2008 mit 4% bis 5% Wachstum. Bis heute haben rund 1.200 deutsche Unternehmen im Land investiert.
Auch andere makroökonomische Parameter zeigen eine positive Tendenz: Die Staatsverschuldung, die noch vor einigen Jahren bei fast 100% des BIP lag, ist mittlerweile auf unter 50% zurückgegangen. Die brasilianischen Devisenreserven liegen bei 180 Mrd USD, nicht zuletzt aufgrund der stark gestiegenen Exporte. Handels- und Leistungsbilanz weisen einen Überschuss auf. „Wir gehen davon aus, dass Brasilien noch längere Zeit vom Ostasienboom profitieren wird“, so die Einschätzung von Peter Rösler, stellvertretender Geschäftsführer des Lateinamerikavereins. Denn es sei das Land mit der ausgewogensten Wirtschaftsstruktur Lateinamerikas. Das Interesse der deutschen Investoren ist nach Einschätzung von Rösler inzwischen zurückgekehrt. Derzeit würden jedoch noch ein Doppelbesteuerungsabkommen und ein Investitionsschutzabkommen fehlen. Auch gebe es Probleme im Bereich Patentschutz. Bis zum geplanten Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Mai 2008 wollen die beiden Länder jedoch das Doppelbesteuerungsabkommen möglichst weit ausgearbeitet haben. „Diese Aussicht ist für die Unternehmen sehr wichtig“, sagte Rösler zu Dow Jones.
Der Lateinamerika-Experte rechnet auch mit einem verstärkten Interesse des deutschen Mittelstandes, der in den vergangenen Jahren vor allem in Richtung Osteuropa und China orientiert war. Denn Brasilien zähle zu den zehn wichtigsten Volkswirtschaften der Erde und der Aufschwung dort werde wohl noch einige Zeit andauern.
Bei den diesjährigen Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstagen, die Ende November stattfanden, bildeten die Bereiche Logistik und Infrastruktur ein Schwerpunktthema. Der brasilianische Präsident Luiz Inacio Lula da Silva unterstrich auf der Veranstaltung in Blumenau vor rund 1.500 Teilnehmern die hervorgehobene Bedeutung des Anfang 2007 aufgelegten Programms zur Beschleunigung der brasilianischen Wirtschaft (PAC-Programm). Es sieht Investitionen in Höhe von 200 Mrd EUR vor, die insbesondere in den brasilianischen Energie- und Infrastruktursektor fließen sollen.
Bis jetzt sei es im Infrastruktursektor Brasiliens aber leider noch nicht zu dem erwarteten zusätzlichen Engagement deutscher Firmen gekommen, sagte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos im Interview mit „Topicos“, der Zeitschrift der Deutsch-Brasilianischen Gesellschaft. Die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien im Jahr 2014 könnte sich hier jedoch belebend auswirken.
Deutsche Unternehmen tragen nach Angaben von Rösler derzeit mit 8% bis 9% zum Industrie-BIP bei. Es gibt eine sehr starke mittelständische Präsenz der Deutschen. Traditionell investieren vor allem Industrieunternehmen in Brasilien, insbesondere aus den Bereichen Kfz, Maschinenbau, Chemie und Pharmazie sowie Kraftwerkstechnik. Mittlerweile sind aber auch deutsche Bauunternehmen tätig, da im Bereich Infrastruktur großer Nachholbedarf, z.B. im Straßen- und Hafenausbau, besteht. Bei der letzten großen Ausschreibungsrunde hätten allerdings noch die Spanier „abgesahnt“, so Rösler. Aber auch im Dienstleistungssektor böten sich gute Chancen für deutsche Unternehmen, z.B. im Bereich Qualitätsprüfung von Lebensmitteln, Umweltschutz und alternative Energien.
Nach Angaben des Lateinamerika-Experten gibt es bereits mehrere Kooperationen brasilianischer und deutschen Unternehmen bei der Ethanolherstellung – Brasilien ist der weltgrößte Ethanolproduzent mit einem Marktanteil von rund 37%, gefolgt von den USA mit 31%.
Die Haver & Boecker Drahtweberei und Maschinenfabrik profitiert in Brasilien vor allem von dem Nachfrageboom im Bereich Erzaufbereitung. „Wir sind in den letzten Jahren sehr zufrieden mit dem Land“, freut sich Ralf Schaefermeyer, Leiter der Tochtergesellschaften des Herstellers von Pack- und Siebmaschinen, der seit 1977 in Brasilien aktiv ist. Das Oeldener Unternehmen hat sich mit einer eigenen Siebmaschinen-Familie eigens an den brasilianischen Markt angepasst und will im Bereich Trenntechnologie weiter expandieren.“ Nach 60 Mio Real im Jahr 2006 rechnet Haver & Boecker in diesem Jahr mit einem Umsatz von 66 Mio Real (rund 25 Mio EUR). „Und der Trend geht weiter“, sagt Schaefermeyer.
Das Wachstum der Automobilindustrie im größten Markt Südamerikas wird hauptsächlich von der starken Inlandsnachfrage getragen. Der Automobilzulieferer Behr aus Stuttgart ist dort mit seiner Tochtergesellschaft Behr Brasil nach eigenen Angaben führender Zulieferer im Bereich Motorkühlung für Lkw. Auch bei den Komponenten für die Pkw-Motorkühlung baue man den Marktanteil kontinuierlich aus, hieß es auf Anfrage von Dow Jones. Brasilien sei auch ein wichtiger Markt im Hinblick auf das Geschäft mit so genannten Low-Cost-Fahrzeugen, sagte Pressesprecherin Stephanie Reuter. Behr habe die notwendigen Voraussetzungen, um an diesem Trend teilzunehmen: Einen Produktionsstandort vor Ort, ein Entwicklungszentrum, etablierte Vertriebsstrukturen sowie speziell entwickelte Low-Cost-Produkte. Mit einem Umsatz von 162 Mio EUR im Geschäftsjahr 2006 übertraf Behr Brasil laut Reuter den Vorjahreswert um 23,7%. Dieses positive Ergebnis sei auf die höhere Präsenz auf dem inländischen Markt, die verstärkten globalen Aktivitäten sowie den positiven Einfluss von Wechselkursänderungen zurückzuführen.
Auch Beumer Latinoamericano, die Tochtergesellschaft der Beumer Maschinenfabrik in Beckum, ist im größten Land Südamerikas erfolgreich tätig. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre hat das Unternehmen seine Mitabeiterzahl in Brasilien verdoppelt und den Umsatz verdreifacht. 2006 lag der Umsatz bereits bei rund 7 Mio EUR. Das Unternehmen produziert und verkauft Förder- und Palettiertechnik für die Zement-, Kalk-, Gipsindustrie, aber auch für den Bergbau sowie die Chemieindustrie. Eine ähnliche Geschäftsentwicklung verspricht sich Beumer für den Bereich Sortier-und Verteiltechnik. Erstes Projekt ist hier die Fluggepäcksortierung auf dem Flughafen Rio de Janeiro. Ziel ist es nach Angaben von Pressesprecher Hans-Jürgen Thoemmes, von Brasilien aus den gesamten südamerikanischen Markt zu entwickeln.
Christine Büttner, Dow Jones




