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Polen kämpft mit Engpässen bei Infrastruktur und Arbeitskräften

Standort profitiert von zentraler Lage / Investitionsklima hat sich verbessert

FRANKFURT 07.02.2008 (Dow Jones). Mit einem Wirtschaftswachstum von etwa 6,5% lag Polen im Jahr 2007 in der Spitzengruppe der Europäischen Union - selbst unter den seit 2004 neu hinzu gekommenen Mitgliedsländern. Zwar rechnen die meisten Ökonomen mit einem Rückgang, doch wird das polnische Wirtschaftswachstum wohl auch in diesem Jahr auf einem Niveau von über 5% liegen.

Gebremst wird es einerseits von den insgesamt etwas trüberen Wachstumsaussichten für Europa und die Welt, anderseits stößt die polnische Wirtschaft inzwischen aber auch an seine Produktionsgrenzen. So wird die gesteigerte Konsumgüternachfrage teilweise durch eine Ausweitung der Importe gedeckt - zum Preis eines steigenden Handelsbilanzdefizits.

Ein Problem in Polen stellt die immer noch ausbaubedürftige Infrastruktur dar, die mit dem Wirtschaftswachstum der letzten Jahre nicht Schritt gehalten hat. Auch im Vergleich mit anderen mittel- und osteuropäischen Ländern besteht etwa beim Straßen- und Autobahnnetz noch Nachholbedarf. Seit dem EU-Beitritt Polens fließt jedoch viel Geld aus EU-Töpfen in den Ausbau der Infrastruktur. Nach Aussage von Prof. Hans Helmut Schetter, Vorstandsmitglied des Mannheimer Baukonzerns Bilfinger Berger und zugleich stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der polnischen Konzerntochter, läuft der Ausbau des Straßen- und Autobahnnetzes derzeit auf Hochtouren. Bilfinger Berger beteiligt sich dabei am Bau von Schnellstraßen im Großraum Warschau. Laut Schetter muss auch die städtische Verehrsinfrastruktur modernisiert werden, gerade mit Blick auf die bevorstehende Fußball-Europameisterschaft 2012. In Warschau soll bis zu diesem Datum zum Beispiel eine neue U-Bahnlinie in Betrieb genommen werden.

„Und nach dem Straßenbau kommt in einer zweiten Welle der Schienenbau“, ist sich Schetter sicher. Darauf hofft auch Sven Rutkowsky, Vorstandsmitglied beim Logistikunternehmen Rhenus aus Holzwickede bei Dortmund. Die Westfalen haben erst kürzlich ihre Präsenz in Polen ausgebaut. Ohne ein leistungsfähiges Schienennetz für den Güterverkehr seien die steigenden Im- und Exporte zusätzlich zu den wachsenden Transitströmen kaum zu bewältigen, so Rutkowsky. Zudem erwartet er auch „erhebliche Investitionen in die polnischen Ostseehäfen“.

Seit Jahren profitiert auch der polnische Bausektor vom Infrastrukturausbau. Sein Wachstum lag im vergangenen Jahr bei rund 17%. Zur Bremse für den Aufschwung entwickelt sich der zunehmende Mangel an Fachkräften. Schon vor dem EU-Beitritt suchten gut ausgebildete polnische Fachleute ihr Glück im westeuropäischen Ausland - vornehmlich auf den britischen Inseln, in Deutschland und in Skandinavien, wo sie deutlich besser verdienen können. Gleichzeitig sank die Arbeitslosigkeit in Polen - in manchen Regionen nach wie vor ein gravierendes Problem - auf zuletzt etwa 11%. In diesem Jahr wird zum ersten Mal seit dem Ende des Sozialismus mit einer einstelligen Arbeitslosenrate gerechnet. Besonders in der Bauindustrie sei dieser „Aderlass“ zu spüren, bestätigt Schetter.
Die Personalknappheit hat zur Folge, dass die Arbeitskosten stark gestiegen sind. Viele Branchen haben im letzten Jahr zweistellige Lohnsteigerungen verkraften müssen. Immerhin hat diese Entwicklung die Abwanderung polnischer Arbeitnehmer spürbar gebremst. Deshalb sei Polen auch kein einfaches Billiglohnland mehr, erklärt Jörg Mommertz von MAN in Polen. Zwar sind die Lohnkosten noch deutlich geringer als in Westeuropa, aber bei den Lohnsteigerungen in Polen sei es absehbar, dass diese Differenz weiter abschmelze.

Zwar rechtfertigt die höhere Produktivität zum Teil die gestiegenen Löhne. Die Lohnentwicklung bleibt aber trotzdem nicht ohne Auswirkungen auf die Inflation in Polen. Tatsächlich dürfte die Inflationsgefahr wohl neben dem defizitären Staatshaushalt Polens zu den größten Risiken für die polnische Wirtschaft gezählt werden und könnte die in Polen politisch umstrittene Einführung des Euro verzögern. Lag die Inflationsrate 2007 durchschnittlich noch bei 2,4%, rechnen die Analysten der HypoVereinsbank in diesem Jahr bereits mit 4,2%. Im Januar ist die Rate bereits auf 4% geklettert und veranlasste die polnische Notenbank entgegen dem internationalen Trend zu einer Zinserhöhung.

Und es muss auch damit gerechnet werden, dass Polen - sollte es zu einer weltweiten Konjunktureintrübung oder gar Rezession kommen - stark davon getroffen werden könnte. Denn der Aufschwung der vergangenen Jahre wäre ohne die außenwirtschaftliche Verflechtung mit Europa kaum denkbar gewesen, belaufen sich die Im- und Exporte Polens doch inzwischen auf jeweils etwa 37% des Bruttoinlandsproduktes. Eine überragende Rolle spielt dabei der deutsche Nachbar. So übertrifft das bilaterale Handelsvolumen die Schwelle von 50 Mrd USD. Sollte sich die deutsche Konjunktur also eintrüben, bliebe dies nicht ohne Auswirkungen auf Polen.

Insgesamt befindet sich die polnische Wirtschaft in einer äußerst stabilen Situation. So scheinen auch steigende Lohnkosten nicht viele internationale Investoren abzuschrecken, denn die ausländischen Direktinvestitionen erreichten 2007 ersten Schätzungen zufolge 15 Mrd EUR, neuerdings übrigens auch aus China. Auch MAN eröffnete 2007 ein neues Lkw-Montagewerk bei Krakau. Viel wichtiger als die Höhe der Löhne, erklärt Mommertz, sei die zentrale Lage in den Wachstumsmärkten Mittel- und Osteuropas sowie die Größe des polnischen Marktes selbst. In einigen Jahren werde der Nutzfahrzeugmarkt die Größe seines spanischen Gegenstücks erreicht haben, prognostiziert er.

Diese Einschätzung teilt auch Rutkowsky, der anhand von Fracht und Zielen seiner Lkw die Produktions- und Warenströme in Europa gut einschätzen kann. Arbeits- und damit lohnkostenintensive Branchen wie die Textilindustrie sind längst aus Polen abgewandert. Vielmehr siedle sich der Kfz- und Maschinenbau an, wenn auch nicht so stark wie in Tschechien oder der Slowakei. Darüber hinaus nutze vor allem die Konsumgüterindustrie den Standort, allen voran die Hersteller „Weiße Ware“.

Und was für die größeren gilt, das kann Reinhard Klein, Geschäftsführer der Deutsch-Polnischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft, auch über die Mittelständler sagen, die sich in Polen niederlassen möchten und bei ihm Unterstützung suchen: „In erster Linie interessiert die Mittelständler der Markt, danach die Kosten“, sagt er.
Die Mittelständler wird auch freuen, dass sich die Zahlungsmoral und die Kreditwürdigkeit der polnischen Kunden in den letzten Jahren deutlich verbessert haben, wie Ortwin Jentsch berichtet, der als Direktor für den Bereich Corporate Banking der polnischen Niederlassung der DZ Bank arbeitet. Die Kreditrisiken seien deutlich rückläufig, daher gebe es weniger Sicherheitsanforderungen als früher. Allerdings sei die Kreditnachfrage derzeit so groß, dass vielen Banken die Refinanzierung in dem relativ einlagenschwachen Land schwer falle. Der Wettbewerb um Privatkunden sei folglich sehr intensiv und margenschwach.

Große Hoffnung setzt die polnische Wirtschaft auf die neue Regierung unter Ministerpräsident Donald Tusk. Zwar habe die Vorgängerregierung keine Investitionen behindert, aber die Stimmung in der polnischen Unternehmerschaft und bei potenziellen deutschen Investoren habe sich mit dem Regierungswechsel spürbar verbessert, erklärt Klein. Auch Bauexperte Schetter bestätigt ein besseres Klima für ausländische Investoren seit dem Regierungswechsel.
Wichtiger als die Stimmung für Investoren dürfte aber das ambitionierte Programm von Regierungschef Tusk sein: Neben dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur hat er sich für mehr Wettbewerb, weniger Bürokratie, Steuersenkungen und wieder mehr Privatisierungen ausgesprochen - etwa für den Börsengang der Warschauer Börse. Die Zukunft wird zeigen, wie schnell er sein Programm umsetzen kann. Für die ausländischen Unternehmen, die in Polen aktiv sind, dürften sich in den nächsten Jahren jedenfalls noch viele gute Geschäfte ergeben.

Jan Döhler