Kongress Länderrisiken 2010

29. April 2010 Rheingoldhalle Mainz

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Großer Markt mit Risiken

Russland von Coface noch mit B bewertet

MAINZ 13.05.08. Hohe Öleinnahmen und ein immenser Investitionsbedarf in Infrastruktur und Industrie machen Russland seit einigen Jahren zu einem bedeutenden Markt für deutsche Unternehmen. Auch der lebhafte Konsum der privaten Haushalte, der in 2007 um 11% gewachsen ist, steigert die Absatzmöglichkeiten. 2007 nahmen die ausländischen Direktinvestitionen in Russland laut UNCTAD um 70% auf 49 Mrd. US$ zu. Viele Unternehmen, die früh in das Russlandgeschäft eingestiegen sind, gehen davon aus, dass Russland spätestens in 2011/2012 ihren größten Markt in Europa bilden wird.

Doch im Länderrating von Coface stagniert das riesige Land in B. "Es ist wichtig, die Risiken zu kennen, bevor man in den russischen Markt einsteigt" betonte Vorstandsmitglied Norbert Langenbach auf dem Kongress Länderrisiken 2008, den Coface Deutschland mit zahlreichen Partnern letzten Monat in Mainz veranstaltete. Zwar mache Coface als internationaler Anbieter von Lösungen im Forderungsmanagement weiterhin gute Erfahrungen mit dem Zahlungsverhalten russischer Unternehmen. Die Zahlungsausfälle nähmen angesichts der dynamischen Entwicklung der russischen Wirtschaft weiter ab. Allerdings, so Norbert Langenbach, sei die Transparenz bei Finanzen und Beteiligungsverhältnissen in den Unternehmen nach wie vor völlig unzureichend. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen böten nur wenig Sicherheit für Gläubiger. So beeinträchtige die unzureichende Durchsetzung von Rechtsvorschriften das Geschäftsumfeld ebenso wie die hohe Korruption.

Geschäftsumfeld schwierig

In der neuesten Ausgabe des Handbuchs Länderrisiken macht Coface auch seine Bewertung dieser Rahmenbedingungen öffentlich zugänglich. Das "Rating Geschäftsumfeld" für Russland ist mit B ein wesentlicher Grund für die entsprechende Einstufung beim Gesamtrating des Landes. Im Vergleich mit den anderen BRIC-Ländern schneidet Russland vor allem auffallend schlechter als Indien ab. Zwecks Vergleichbarkeit stimmen die Ratingstufen der Geschäftumfeld-Bewertung mit der Gesamtbewertung der Länder überein. Im Länderrating von Coface sind A1 bis A4 mit Investmentgrades vergleichbar, B, C und D entsprechen mittlerem bis hohem Risiko.

Zum Nachteil gereicht dem russischen Markt abgesehen vom schwierigen Geschäftsumfeld, dass die Investitionsquote nach wie vor zu den niedrigsten unter den großen Schwellenländern gehört. Durch den auf den realen Wechselkurs zurückzuführenden Druck und die Veraltung der Produktionsanlagen mangelt es der Industrie an Wettbewerbsfähigkeit. Auch übernimmt der Staat bei immer mehr Unternehmen direkt oder indirekt die Kontrolle. Das könnte ihrer Entwicklung schaden und Ineffizienzen im Management hervorrufen. Schließlich mangelt es an der Umsetzung verabschiedeter Reformen. Häufig werden sie auch zweckentfremdet, um den Interessen von Wirtschaftskreisen zu dienen.

Russlands Stärken

Mit den Risiken im Blick sollten Russlands Stärken nicht aus den Augen verloren werden. Das Land verfügt über umfangreiche natürliche Ressourcen und qualifizierte Arbeitskräfte. Der hohe Bildungsgrad der Bevölkerung ist ein wichtiger Vorteil. Auch schafft die öffentliche Entschuldung den Behörden neue Handlungsspielräume. Zudem setzt sich Russland wieder als regionale Macht durch und zeichnet sich durch eine beachtliche politische Stabilität aus. Die zukünftige politische Führung lässt stabilere Rahmenbedingungen mit weiteren Reformen erwarten.

Die Finanzkrise, die derzeit auf das Wachstum einiger westlicher Industrienländer durchschlägt, werde an Russland eher vorbeischliddern, sagte der für Russland und GUS zuständige Direktor von Coface Deutschland, Thomas Bölinger, im Russland-Workshop auf dem Länderkongress. "Wenn überhaupt, dann trifft sie die Finanzbranche, nicht aber die reale Wirtschaft." Russische Unternehmen seien sehr stark eigen- und kaum fremdfinanziert und dies verringere letztlich den Effekt der Kreditengpässe.

Vor allem die binnenmarktorientierten Branchen wie die Bauindustrie und der Handel treiben die Entwicklung voran. Branchen, die mit Importen konkurrieren, so der gesamte Automobil- und Konsumgüterbereich, leiden dagegen unter der Aufwertung des Rubels. Für den ausländischen Investor ist Russland um so mehr ein interessanter Absatzmarkt, gerade auch für hochwertige Produkte.

Hingegen ist Russland kein billiges Produktionsland. Auf der nahezu zeitgleichen Länderkonferenz von Coface Austria in Wien, auf der Russland Hauptthema war, wies der Experte Nenad Pacek auf die steigenden Lohnkosten hin. So werde der Stundenlohn sich in fünf Jahren von derzeit 73 Rubel auf 150 Rubel verdoppeln, sagte der Vizepräsident des Unternehmensnetzwerk Economist Intelligence Unit.

Ungeachtet dessen wird der russische Markt in den kommenden Jahren auch weiter von zunehmendem Interesse für die europäische Wirtschaft sein und viele Möglichkeiten bieten. Wichtig ist dabei das Wissen um die Risiken. Neben dem "Handbuch Länderrisiken 2008 – Auslandsmärkte auf einen Blick", das von Coface Deutschland und dem F.A.Z.-Institut herausgegeben wird und beim F.A.Z.-Institut unter www.laenderdienste.de für 98 Euro bestellt werden kann, bietet Coface Central Europe zu Russland wie zu den übrigen mittel- und osteuropäischen Ländern umfassende Country Reports an. Die kompakten und kostenlosen Länderblätter können auf www.coface.at bestellt werden, wo sie auch zum Download bereitstehen.

Dr. Dirk Bröckelmann, Coface Deutschland