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Deutscher Mittelstand profitiert von Russlands Wirtschaftsdynamik

Exportbranchen erwarten hohes Wachstum / Probleme bei der Transparenz

FRANKFURT 14.01.08 (Dow Jones News). Die Zeiten für deutsche Unternehmen in Russland sind rosig. "Es sieht sehr gut aus", sagt Oliver Wieck, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, im Gespräch mit Dow Jones. Im Jahr 2007 sei eine deutliche Steigerung der Exporte nach Russland zu verzeichnen. Laut Wieck wird dabei eine fast ausgeglichene Handelsbilanz erwartet - nach mehr als einer Dekade deutscher Handelsbilanzdefizite eine positive Entwicklung.

In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres lag nach Angaben des Statistischen Bundesamtes der Wert der Einfuhren wie auch der Ausfuhren bei rund 23 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Im Jahr 2006 betrug der gesamte deutsche Export nach Russland 23,4 Milliarden Euro, der Einfuhrwert erreichte 30 Milliarden Euro. Während bis Oktober 2007 die wichtigsten deutschen Exportgüter Maschinen, Kraftfahrzeuge sowie chemische Erzeugnisse waren, entfiel der größte Anteil der Importe aus Russland mit fast 16 Milliarden Euro auf Öl und Gas. Die Direktinvestitionen der deutschen Unternehmen in Russland lagen 2007 bei 10 bis 11 Milliarden Euro, wobei der Hauptanteil immer noch auf den Energiebereich entfällt. "Es könnte mehr sein - das Potenzial des Marktes ist groß", glaubt Wieck.

Alexander Rahr, Russlandexperte der deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, weist auf gewisse Risiken in der aktuellen Transformationsphase hin, rechnet aber ebenfalls mit einer langfristig positiven Entwicklung. „Russland ist noch Transformationsland, hat aber im Vergleich zu den 90er Jahren eine gewisse wirtschaftliche Entwicklung erreicht, die nicht nur auf den Energieexporten basiert“, sagt Rahr im Gespräch mit Dow Jones. Der Lebensstandard der Menschen verbessere sich jedes Jahr um rund 20 Prozent, die Wirtschaft wachse weiter und die Inflation sei im Griff. In den vergangenen beiden Jahren seien zudem Gelder aus den Energiegewinnen in die Verbesserung der Infrastruktur des Landes investiert worden.

Nach Einschätzung von Rahr muss vieles noch „mit einer großen Prise Vorsicht betrachtet werden“. Es bleibe abzuwarten, wie sich das Gemisch aus staatlichen Eigentumsformen und Privatwirtschaft in Krisenzeiten bewähre. Das gegenwärtige politische System in Russland werde sich aber voraussichtlich als stabil erweisen. Nach dem „geordnetsten Machtwechsel in der russischen Geschichte“, sollte sich das Wirtschaftswachstum weiter stabilisieren, so Rahr. Präsidentschaftskandidat Dmitri Medwedew habe sich in seiner ersten Wahlrede bei seiner Nominierung zudem die Entwicklung des russischen Mittelstandes auf die Fahnen geschrieben. „Dem Kreml ist das wichtig.“

Auch Coface hält an ihrem positiven Ausblick für das Land fest. Nach Aussage von Thomas Bölinger, Direktor Russland und GUS der Coface, wird der Regierungswechsel möglicherweise sogar eine positive Auswirkung auf das Geschäftsklima haben. Dieses habe sich seit Frühjahr 2007 weiter verbessert. In den kommenden ein bis zwei Jahren sehe Coface deshalb ein „gutes Potenzial“ für die russische Wirtschaft.

Beim deutschen Mittelstand nimmt daher das Interesse an Joint Ventures mit den Russen deutlich zu. Viele Unternehmen denken nach Angaben von Wieck über eine lokale Fertigung nach, um schneller am Markt präsent zu sein. Dies betreffe neben der Automobilindustrie, die verstärkt auch nach russischen Zulieferern sucht, vor allem den "klassischen Bereich" Maschinen- und Anlagenbau.
Coface-Experte Bölinger spricht sogar von einem „regelrechten Hype“, wenn er die Marktentwicklung deutscher Unternehmen in Russland bewertet. Viele Vertriebseinheiten hätten im vergangenen Jahr Wachstumsraten von 50 bis 100 Prozent verzeichnet. Aufgrund der positiven Entwicklung beobachtet Bölinger, dass immer mehr Vertriebsniederlassungen in Tochterunternehmen umgewandelt werden.

Nach zweistelligen Wachstumsraten in der Vergangenheit erwartet der deutsche Maschinenbau auch in den kommenden Jahren weiterhin ein hohes Plus von durchschnittlich 12 Prozent bei den Exporten nach Russland, wie Anke Uhlig, Referentin beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), erläutert. Aufgrund des großen Nachholbedarfs und nur weniger weltmarktfähiger nationaler Maschinenproduzenten werde auch in Zukunft im Ausland gekauft. Der Staat fördere dies unter anderem mit Mitteln aus dem Investitionsfonds. Nach Subsektoren aufgeschlüsselt, gehören Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen, Bau- und Baustoffmaschinen sowie die Landtechnik zu den exportstärksten Bereichen des Maschinenbaus im Russland-Geschäft. In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres betrugen die deutschen Maschinenbauausfuhren rund 5,8 Milliarden Euro, im Gesamtjahr 2006 lag der Export dagegen bei 5,2 Milliarden Euro.

Auch die bei Russland-Geschäften zweitstärkste Branche zeigt sich optimistisch: Nach Angabe des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) stellt Russland für deutsche Hersteller im Augenblick den dynamischsten Pkw-Exportmarkt dar. 2007 wurden dem Verband zufolge mit 182.000 Pkw fast 75 Prozent mehr Fahrzeuge mit deutschem Herstelleremblem nach Russland geliefert als 2006. Damit sei das Land im vergangenen Jahr bei den Top-Exportdestinationen auf Platz sieben von zuvor neun geklettert. Insgesamt verkauften deutsche Hersteller im abgelaufenen Jahr etwa 317.000 Fahrzeuge in Russland. Der VDA sieht auch weiterhin „hervorragende Chancen für die deutschen Hersteller und Zulieferer“. Schließlich eröffne das rasante Wirtschaftswachstum des Marktes von 140 Millionen Konsumenten sowie hohe Zuwächse beim privaten Konsum Möglichkeiten, die derzeit mit keinem anderen „Automobilland“ der Welt zu vergleichen seien.

Ein weiterer Bereich, in dem die deutsche Wirtschaft bereits eine besonders starke Position in Russland besetzt, ist der Sektor Energieerzeugung und -übertragung. Und der Zentralverband der deutschen Elekrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) sieht noch weiteres Potenzial, wenn der größte russische Stromversorger UES in diesem Jahr plangemäß entflochten wird - zweistellige Milliardeninvestitionen werden erwartet.

Ein Problem für den Markteintritt stellt jedoch die aufwendige Zertifizierung der Produkte nach russischen Normen dar. Um hier Engpässe abzubauen, will die Frankfurter Repräsentanz der Handels- und Industriekammer der Russischen Föderation in Kooperation mit dem russischen Prüf- und Zertifizierungszentrum „OOO Alfa-Test“ für deutsche Hersteller die Zertifizierung nach GOST R vor Ort anbieten. Nach Ansicht des ZVEI würde ein solcher Service deutschen Firmen den Export deutlich erleichtern.

Die oft kritisierte politische Situation in Russland sieht der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft gelassen: "Bei aller gerechtfertigter Kritik am Vorgehen während der Duma-Wahlen: Putin hat Stabilität ins Land gebracht und den wirtschaftlichen Fortschritt mit seinen Reformen gefördert. Und wir als Ost-Ausschuss sprechen in unseren Dialogforen mit der russischen Seite auch kritische Themen der Unternehmen an, mit dem Ziel, eine Lösung dafür zu finden“, sagte Wieck zu Dow Jones.

Probleme bereiten allerdings noch die starke Reglementierung des Marktes, der hohe Bürokratieaufwand sowie die marktbeherrschende Stellung der staatlichen Banken. Auch gibt es oft Schwierigkeiten bei der Vergabe von langfristigen Krediten an den Mittelstand. Dennoch sieht Joachim Landgraf, Leiter Export & Finance der LBBW Stuttgart, eine stabile Entwicklung des Finanzmarktes in Russland. Die Nachfrage nach Finanzierungen für Russland-Exporte befinde sich auf „hohem Niveau“. Bei langfristigen Geschäften und solchen mit kleinen russischen Firmen empfiehlt Landgraf jedoch eine Bankbesicherung oder die Nutzung der staatlichen Exportkreditversicherung. Denn die Transparenz und Verlässlichkeit russischer Partner lässt vielfach noch zu wünschen übrig. Das bestätigt auch Coface-Experte Bölinger. Die in Russland erhältlichen Unternehmensbewertungen seien in der Regel „nicht aussagekräftig“. Deutsche Unternehmen sollten sich vor Geschäftsabschluss deshalb bei Banken, Versicherern oder Auskunfteien über ihr Gegenüber informieren.

Christine Büttner