Trotz Krise: Globalisierung geht weiter
Interview mit Coface Deutschland-Chef Benoît Claire über Folgen für Unternehmen
Die Kapitalmarktkrise hinterlässt ihre Spuren. Nicht nur bei den Banken. Die Risiken steigen auch für exportierende Unternehmen. Für deutsche Unternehmen sieht Benoît Claire aber weiter gute Chancen. "Wenn sie ihre Risiken im Auge behalten", sagt der Vorstandsvorsitzende von Coface Deutschland.
Herr Claire, wohin steuert die Weltwirtschaft im Moment?
Claire: Wir erleben im Moment, was wir im Frühjahr anhand unserer Risikoanalysen prognostiziert haben: Die Finanzkrise schlägt auf die so genannte Realwirtschaft durch. Wir erkennen das ganz klar an den Zahlungsausfällen und Zahlungsverzögerungen. Wir müssen davon ausgehen, dass diese negative Entwicklung sich noch verschärfen wird. Der Zusammenbruch vieler Banken wird sich mit Verzögerung weiter auf die globale Unternehmenslandschaft auswirken, wenn auch regional unterschiedlich.
Was ist die Folge für exportierende Unternehmen?
Claire: Ganz einfach: höheres Ausfallrisiko und eventuell Probleme in der Bankfinanzierung. Dennoch können Unternehmen weiter die Chancen nutzen, die ihnen die Globalisierung bietet. Eine künftig wieder stärkere Fokussierung der Wirtschaft und der finanzierenden Banken auf reale Wertschöpfungen wird dabei helfen. Und professionelles Risikomanagement ist die Voraussetzung dafür. Dies ist in der jüngsten Vergangenheit zu sehr aus dem Blickfeld geraten. Ich hoffe, dass die aktuellen Entwicklungen, so sehr sie auch schmerzen, dort zu einer Rückbesinnung auf alte ökonomische Prinzipien führen, wo sie zeitweise außer Kraft gesetzt wurden.
Die anhaltende Finanzkrise, die Wirtschaftsflaute in den USA und wohl auch in Europa belasten die deutsche Wirtschaft massiv. Stehen die Zeichen auf Abschwung?
Claire: Die deutsche Wirtschaft ist in einer stabileren Verfassung als noch vor einigen Jahren. Vor fünf, sechs Jahren hätten die von Ihnen genannten Variablen viel stärkere Auswirkungen gehabt und die damals sehr hohe Zahl an Insolvenzen weiter erhöht. Die deutschen Unternehmen sind in der globalisierten Wirtschaft gut positioniert, nicht nur wegen ihrer hervorragenden Produkte. Sondern auch, weil sie ihre Wettbewerbsfähigkeit konsequent verbessert haben. Die Globalisierung wird weiter voranschreiten, unabhängig davon, ob einzelne Länder oder Branchen einer temporären Krise ausgesetzt sind. Auch wenn die deutschen Unternehmen die gegenwärtige Abkühlung des Wirtschaftswachstums zu spüren bekommen, bieten sich weiter neue Chancen: Osteuropa, Asien und die BRIC-Länder werden weiter wachsen und deutschen Unternehmen neue Aufträge bescheren. Die Entwicklungen auf der Kostenseite und Nachfragerückgänge aufgrund der Entwicklung in wichtigen Abnehmerländern wie den USA, aber auch Spanien und Großbritannien, sind allerdings nicht zu vernachlässigen. Alles in allem sehe ich derzeit aber kein breites Abschwung-Szenario, eine Bremse, die einzelne Branchen auch heftiger betreffen kann, das sicher ja.
Wie können sich Unternehmen vor Zahlungsrisiken schützen?
Claire: Um die steigenden Kosten und erhöhten Risiken in den Griff zu bekommen, müssen sich Unternehmen auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und in anderen wichtigen Bereichen, zum Beispiel im Forderungsmanagement, mit Spezialisten zusammenarbeiten. Unsere Aufgabe ist es, den Marktteilnehmern die notwendigen Mittel und Informationen an die Hand zu geben. Forderungen sind in doppelter Hinsicht eine entscheidende Größe: Existenziell, weil sie beim Ausfall das Aus des Unternehmens bedeuten können. Bilanziell, weil Forderungen als Vermögen gelten und in der Bilanz unter Aktiva stehen. Hier können Strategien und Verfahren aufgebaut werden, um Forderungen schneller zu realisieren, Bilanzen zu entlasten und Marktchancen zu nutzen. Die Potenziale sind erheblich. Voraussetzung ist, das Forderungsmanagement nicht allein als Rechnungs- und Mahnwesen zu verstehen, sondern als Prozess in der Finanzierungskette.
Nach wie vor sorgen Schwellenländer wie China und Indien für eine hohe Wachstumsdynamik. Droht hier das Platzen einer wirtschaftlichen Blase?
Claire: Generell bleibt in diesen Ländern der Wachstumstrend bestehen. Allerdings ist eine temporäre Verlangsamung der wirtschaftlichen Dynamik wahrscheinlich. Aufgrund der Investitionstätigkeit in China könnten Überkapazitäten in der Automobilbranche, in der Eisen- und Stahlindustrie sowie im Baugewerbe entstehen. Das könnte Unternehmen geringere Gewinnmargen bescheren und sie in Finanzschwierigkeiten bringen. Das führt schon jetzt dazu, dass sich das Zahlungsverhalten chinesischer Firmen verändert hat. Und zwar zu Lasten der Lieferanten, die deutlich länger auf ihr Geld warten müssen. Diese Entwicklung kann sich in China, aber auch in anderen Ländern verstärken, wenn die Kapitalversorgung aufgrund der Finanzkrise schwieriger oder teurer wird. Dann greifen Unternehmen, das zeigt die Erfahrung, gerne auf den Lieferantenkredit zurück.
Wie muss ein professionelles Risikomanagement gestaltet werden?
Claire: Verlässliche Informationen sind das Fundament für erfolgreiche Geschäfte - national und international. Was erwartet Exporteure, Unternehmen mit Tochterfirmen im Ausland oder Investoren bei Geschäften im jeweiligen Zielland? Wie verlässlich sind ausländische Lieferanten? Ist die Situation einer Branche im Heimatland vergleichbar mit derselben Branche auf einem anderen Kontinent? Diese Fragen sollten vor dem Beginn einer Geschäftsbeziehung immer geklärt werden. Und auf jeden Fall muss der potentielle Geschäftspartner unter die Lupe genommen werden, denn der bezahlt die Rechnung - oder eben nicht. Das Forderungsmanagement muss darauf ausgerichtet sein, Veränderungen möglichst frühzeitig zu erkennen. Dazu bieten zum Beispiel wir professionelle Möglichkeiten.
Das Interview führte Stefan Brunner von local global. local global ist Medienpartner beim Kongress Länderrisiken 2009.




